50 Jahre mit Bob Dylan

Leben mit einer musikalischen Leidenschaft

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Vor 50 Jahren, im Herbst 1976, wurde ich Fan von Bob Dylan. Da ich nun 63 Jahre alt geworden bin, besteht ein guter Anlass, diese 50 Jahr einmal Revue passieren zu lassen. Unvollständige Erinnerungen sozusagen.

Die Vor-Dylan-Zeit

Ich komme aus keinem ausgesprochen musikalischen Haushalt. Keiner spielte ein Instrument und in meinem sozialen Milieu gehörten weder Konzertbesuche noch das Erlernen von Klavier, Gitarre oder Geige zur Lebenswelt. Dennoch war die Musik auch in meiner Kinderzeit immer da. Ich hörte meinen Vater morgens beim Schuheputzen singen und es stand ein Musikschrank – Radio + Plattenspieler – in unserem Wohnzimmer. Meine Mutter hörte gerne Schlagermusik. Da wurde ich schon früh zum Stammzuschauer der ZDF-Hitparade. Und bevor mich Robert Zimmerman erreichte, hörte ich den Schlagersänger Chris Roberts.

Meine Mutter war zudem wohl in früheren Jahren im Buchclub, so dass ich im Bücherregal immerhin mit Ernest Hemingway in Kontakt kam. Im Musikschrank war auch eine, wie ich nun weiß, besondere Single des Buchclubs mit jeweils zwei Titeln auf jeder Seite mit erfolgreichen Titeln des Jahres 1968:

A1: Dörthe – Sind Sie der Graf von Luxemburg?
A2: Die Travellers – Romeo und Julia
B1: Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich – The Legend of Xanadu
B2: Manfred Mann – Mighty Quinn

Richtig: Manfred Manns Hitversion von Dylans Basement-Tapes-Song „Quinn, the Eskimo“! Dylans Name stand in Klammer unter dem Titel und ich konnte Anfang der 1970er, als ich das Ding entdeckte und erstmals abspielte, mit diesem Namen aber noch nichts anfangen.

Mit „Hurricane“ fing alles an

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Meine Bob Dylan-Zeit begann, so wie ich es in meinem aktuellen Buch „In The Summertime. Bob Dylan 1981“ beschrieben habe, im Herbst 1976 mit „Hurricane“. Dann kamen die „Greatest Hits“ und „Hard Rain“, das dazugehörige Live-Special 1977 in der ARD sowie 1978 „Street Legal“, „The Last Waltz“ und „Renaldo & Clara“, 1979 der evangelikale Schock und 1981 mein erstes Dylan-Konzert in Mannheim.

Wechselhafte 1980er

Dylan in den 1980er Jahren hieß für mich im Guten „Infidels“, Real Live“, „Empire Burlesque“ und „Union Sundown“, Günter Amendts „Robertage“ über die Europa-Tour 1984 (das damalige Offenbacher Konzert verpasste ich aufgrund anderer Prioritätensetzung) sowie die CD-Box „Biograph“ und im Schlechten der desaströse Auftritt bei Live Aid 1985 (für den ich bis nachts um 3 Uhr wachblieb, um dann mit wenig Schlaf um 6 Uhr morgens zum Falken-Zeltlager aufzubrechen), das ebenso schlechte Konzert in der Frankfurter Festhalle 1987 und die Alben „Knocked Out Loaded“ und „Down In The Groove“. 1988 war sozusagen das Jahr an dem ich Dylan am fernsten war. Ich bekam die Veröffentlichung von „Down In The Groove“ nur zufällig mit, weil ich es während eines Bildungsurlaubes in Luxemburg im Schaufenster sah.

Erneuerte Begeisterung in den 1990er Jahren

Anfang 1989 dann schwärmte mir ein Freund von den Traveling Wilburys vor und siehe da, das Interesse war wieder geweckt. Ich kaufte mir die beiden Wilbury-Alben 1989 und 1990 – war begeistert von „Dirty World“ und „Congratulations“  – und war dann wieder bereit für Dylan. Wobei ich mit erst „Under The Red Sky“ (1990) und dann erst „Oh  Mercy“ von 1989 zulegte. Noch immer finde ich „Red Sky“ besser als sein Ruf. Und „Born In Time“ war mein Lieblingssong, den ich gerne auch meiner damaligen neuen Freundin und heutigen Frau Andrea vorspielte. Sie war es auch, die mir Karten für das Offenbacher Konzert 1991 schenkte und damit meine erneuerte Dylan-Leidenschaft entscheidend mitbefeuerte. Seitdem haben wir nur in zwei Jahren – 2004 und 2016 – kein einziges Bob Dylan-Konzert gesehen.

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Ich oder wir haben Dylan nicht nur in Deutschland gesehen, sondern auch in London, Alicante, Linz, Luxemburg, San Sebastian und Brüssel. Nur in den USA haben wir ihn nicht spielen sehen. Dafür sind wir mehrmals auf seinen Spuren in New York gewandelt und haben den Bob Dylan Center in Tulsa, Oklahoma, besucht.

Ich abonnierte in den 1990er Jahren den Telegraph, des später leider tragisch ums Leben gekommenen John Bauldie, die ISIS und das amerikanische Dylan-Fanzine „On The Tracks“ und bekam nun regelmäßig Neuigkeiten, Berichte und Interpretationen aus dem Bob Dylan-Universum. Ich las die Dylan-Bücher von Paul Williams, Greil Marcus und Günter Amendt und ließ mich von ihnen für meine eigenen Schreibarbeiten inspirieren.

Mitte der 1990er Jahre habe ich dann begonnen auch öffentlich über Bob Dylan zu schreiben. Erst für die „Good Times“, dann für meinen eigenen Cowboy Blog, dann für country.de und den „Folker“. Und zweimal auch für das Darmstädter Echo und einmal für das österreichische Fanzine „Parking Meters“.

Dylans Comeback und viele eigene Dylan-Aktivitäten

Und so konnte ich nicht nur als Fan, sondern auch als Musikjournalist Dylans Comeback 1997, die Radio-Show und die „Chronicles“, sein Filmprojekt „Masked & Anonymous“, die großartigen Alben wie „Love And Theft“ oder „Rough And Rowdy Ways“ und die Nobelpreis-Verleihung 2016 erleben.

Mein erstes Bob Dylan-Buch habe ich 2011 veröffentlicht. „I’m in a Cowboy Band“ heißt es und beschäftigt sich mit den Wechselwirkungen zwischen Dylan und Country/Americana. Denn in den 2000er Jahren wurde durch die Entdeckung von Bluegrass, Folk, Country und Americana mit dem Film „Oh Brother Where Art Thou?“ die Dylan-Leidenschaft gleichermaßen ergänzt und vertieft.

Bob-Dylan-Tribute 2024, Copyright: Americana

Mittlerweile habe ich drei Bücher über Bob Dylan geschrieben und werde als „Dylan-Kenner“ bezeichnet, was mir schmeichelt, finde ich. Und ich veranstalte Dylan-Tribute-Konzerte und musikalische Lesungen in meinen Americana-Konzert-Reihen.

Dylan – eine lebenslange Begeisterung

All das wäre ohne die ständigen zahlreichen Inspirationen durch Dylans Kunst nicht möglich gewesen. Jetzt bin ich 63 Jahre alt geworden und weiß schon, was im nicht allzu fernen Ruhestand noch viel mehr machen werde. Ich freue mich daher schon unheimlich auf die Rente. Und hoffe, dass wir alle noch möglichst lange einen Bob Dylan auf der Bühne und im Studio erleben dürfen. Er hat mich ein Großteil meines Lebens begleitet und wird dies in welcher Form auch immer auch in den vor mir liegenden Jahren begleiten.

Stabil bleiben mit Bob Dylan

Gedanken um Popmusik in rechten Wendezeiten

„Don’t Follow Leaders“ ist und bleibt eine stabile Grundaussage Dylans, Foto: Wikimedia Commons

Danger Dan wurde aus der ZDF-Sendung „Die Anstalt“ ausgeladen, Der „schöne AfD-Siegmund“ darf den Rechtsextremismus im Kinderkanal kindgerecht rüberbringen. Die Sommer-Interviews mit Chrupalla und Weidel scheinen schon normal. Gleichzeitig möchte man auf dem Glücksgefühle-Musikfestival gerne keine politischen Ansagen hören, auch wenn sie für Demokratie und gegen Rechtsextremismus ausgerichtet sind. „Man sei unpolitisch“. Sagen die, die in ihrem Programm Andreas Gabalier haben, dessen Songtexte und Ansagen natürlich politisch sind, wenn er Klaviatur von „früher war alles besser“ bedient. So hohlgedreht ist Deutschland im September 2026, zwei Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der die AfD die absolute Mehrheit im Landtag erringen könnte.

Musik ist politisch

„Musik ist politisch“ – in ihr spiegeln sich gesellschaftliche Konventionen gleichermaßen wie der Widerstand dagegen. Songs bilden gesellschaftliche Haltungen ab, auch wenn sie gar nicht politisch scheinen wollen. Siehe oben. Gabalier ist beim Glücksgefühle-Festival dabei, der schon mal singt „eisernes Kreuz, das am höchsten Berggipfel steht“ und ganz bewusst die Assoziationen zur Kriegsauszeichnung weckt oder der den „Gender-Wahnsinn“ ablehnt. Manche bezeichnen ihn als Brückenbauer zur neuen Rechten.

„Früher war alles besser“

In den USA bedienen solch eine „Früher war alles besser“-Mentalität Country-Sänger wie Hank Williams Jr. oder Jason Aldean. Sie haben die „Small Town“, die schon seit den Zeiten der massenhaften weißen Migration vom Süden in den Norden idyllisiert wurden, zur ideologischen Kampfzone gemacht. Dort gibt es keine Black Lives Matter-Demonstrationen, keine offen schwule oder lesbische oder Transgender-Menschen. Dort gibt es nur zwei Geschlechter und die Familie besteht aus Vater-Mutter-Kind. Und am Sonntag geht es in die Kirche und überall wehen Stars & Stripes und vor dem Unterricht wird die Nationalhymne gesungen. Und keiner kniet sich vor dem Football-Spiel hin. Stattdessen wird am Wochenende gejagt, gefischt, gefeiert und es werden Mädchen aufgerissen, ob die es nun wollen oder nicht.

Jason Aldean garniert das Video zu seinem Kampfsong „Try That In A Small Town“ mit Filmsequenzen aus dem MAGA-Poesiealbum. In den 1950er Jahren da wurde noch fleißig gearbeitet, da wird die Familie noch anerkannt. Dass die amerikanischen Arbeiter massenweise aus dem armen Süden in die industriellen Zentren des Nordens flohen, wird da ebenso geflissentlich ignoriert wie Ehegefängnisse oder häuslicher Missbrauch, die Kehrseiten der heilen Familie auf dem Land.

Abwehrkämpfe der Sixties-Generation

Die Generation, die in den 1960er Jahren mit ihrer Musik all diesen Muff, diese Spießigkeit, diese bornierte Enge zu überwinden halfen, tritt langsam von der Bühne ab, auch wenn Joan Baez oder Neil Young oder Bruce Springsteen sich noch tapfere Abwehrkämpfe gegen den Trumpismus liefern. Auch wenn Bob Dylan-Konzerte noch immer das Gegenprogramm zum MAGA-Wahnsinn sind. Noch können sie oder jüngere kritische Künstler wie Jesse Welles oder Carsie Blanton auftreten, ohne größere Gefahr für Freiheit, Leib und Leben. Aber was passiert, wenn im November keine Mid-Terms stattfinden, weil die Trump-Regierung irgendeinen Notstand gefunden hat, den sie ausrufen kann?

Was passiert mit Monchi oder anderen kritischen Künstlern wenn im Osten die AfD auf ganzer Linie siegen sollte? Der deutsche Rechtsextremismus ist in seiner aktuellen Inkarnation wieder einmal der Gründlichste und Radikalste. Davor kann man wirklich Angst haben.

Bob macht stabil, bei Arbeit, Sport und Spiel

Bob Dylan mit Allen Ginsberg, der auch wusste , dass es nie eine gute alte Zeit gab, Foto: Wikimedia Commons

Vor 50 Jahren habe ich mit Bob Dylans Musik meinen Weg aus familiärer Enge und bundesdeutscher Spießigkeit gefunden. Sie hat mich mein Leben lang begleitet. Nun spielt der 85-jährige Dylan im Herbst seine „Lights of Autumn“-Tour, die ihn auch wieder nach Deutschland führt. Wer mit seinen Songs wie „Chimes Of Freedom“, „Desolation Row“ oder „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ Erwachsen wurde, der behält zeitlebens seine kritische, humane Haltung und dessen Motto bleibt für immer „Don’t Follow Leaders, Watch The Parking Meters“. Die Erkenntnisse aus den Songs dieser „menschlichsten aller Stimmen und unstimmigsten aller Menschen“ wie Günter Amendt so genial formulierte, bleiben, auch wenn der Sänger längst von gegangen sein wird. So unsterblich seine Musik und die Legende „Bob Dylan“ ist, so sterblich ist der Mensch dahinter, so sterblich ist Robert Zimmerman.

Seine Songs und deren Grundaussagen über Menschen und Machtstrukturen aber lassen mich stabil bleiben. Egal was da für ein Grauen kommt, dessen Vorreiter vielleicht ab Sonntag der „schöne Siegmund“ ist.

Die wagen sich was

Auf „JEM Records celebrates Bob Dylan“ sind wunderbar frische und freche Dylan-Coversionen versammelt

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Viele werden sich fragen ob die Welt noch weitere Bob Dylan-Cover-Alben braucht. Der „Darmstädter Dylan-Experte“ sagt ja, ja und nochmals ja. Weil jede Generation und jeder Künstler dieser Generationen sich anschicken kann, entweder wahre Pretiosen oder belanglose Nachspielerei zu schaffen. Die Pretiosen aber findet man nur wie Perlen. Man muss jede einzelne Auster öffnen, sprich jedes einzelne Dylan-Cover hören.

Die neueste Cover-Sammlung stammt aus dem Hause JEM und erscheint am 21. August. Seit geraumer Zeit besteht die Reihe „JEM Records celebrates Bob Dylan“. Da sind schon Jagger & Richards, John Lennon, David Bowie oder Pete Townsend gewürdigt worden. Die neueste, siebte Folge stellt nun also US-Musiklegende und Nobelpreisträger Bob Dylan in den Mittelpunkt. Die 12 Songs decken leider nur die ersten 20 Jahre von Dylans Karriere ab. Der jüngste Dylan-Song stammt von 1980 und ist allerdings ein wahres Fundstück: das selten gespielte “Ain’t Gonna Go to Hell for Anybody”. Und „The Jive“ nehmen die Ohrwurm-Vorlage gerne auf und bringen sie in einer etwas verzögerten Indie-Rock Version zum Klingen.

Rock und Indie-Rock

Sympathisch an der Zusammenstellung ist es, dass die ganz großen Namen hier fehlen. Es handelt sich allesamt um weniger bekannte Rock und Indie-Rock-Bands, die hier meist Vollstoff abliefern, sich etwas wagen und sich frech und respektlos den Songs annehmen. Und so geht es gleich richtig los. „The Airport 77s“ haben es erkannt. Bei „It Ain’t Me Babe“ steckt viel Potential zum dissen und haten drin. Der doch irgendwie distanziert-ironischen Originalversion des Meisters antworten sie daher mit einer schnellen, harten Coverversion.

Dagegen bleiben „The Half Cubes“ im gewohnten Rahmen, wenn sie ihre Version von Quinn the Eskimo (The Mighty Quinn) doch recht nahe an der Manfred Mann anlegen. Mehr Freiheit nehmen sich dagegen „The Cynz“ bei „Neighbohood Bully“ und drücken dem 1983er Pro-Israel-Song ihren Stempel auf. Ebenso ungewöhnlich: „The On and Ons“ drücken beim sonst als langsamen Blues bekannten „Meet Me In The Morning“ deutlich aufs Gaspedal.

Da fällt der Abschlusstrack von Nick Piunti und seine Version von „Mr. Tambourine Man“ doch etwas ab. Da wird eben nichts gewagt und so kommt ein derart konventionelles Rock-Cover des Dylan/Byrds-Hits heraus, dass man sich doch ziemlich wundert.

Dylan-Songs in Pub-Punk-Rock-Manier

Das tut aber dem Hörvergnügen keinen Abbruch, es ist vielleicht sogar die nötige Erholung zum Schluss, haben doch einige Band sich hier ganz schön was getraut und die Dylan-Songs in rauhem Semi-Pub-Punk-Rock heruntergedroschen. Aber das passt ja bestens zu Dylan. Denn von „Play it fucking loud“ 1966 über „Dylan & The Plugz“ 1984 bis hin zum krachenden Rock auf der Dylan-Knopfler-Tour im Herbst 2011 ist auch Dylan immer wieder gerne bereit, selber den Krachmacher und Punk-Rocker zu geben.

Bleibt unterm Strich ein höchst unterhaltsames Album, das schon jetzt zu den besten Dylan-Cover-Alben ever gehört. Es sind schön viele Perlen drauf.

Trackliste:

1: It Ain’t Me Babe – The Airport 77s

2: Quinn the Eskimo (The Mighty Quinn) – The Half-Cubes

3: Queen Jane Approximately – The Anderson Council

4: This Wheels On Fire – The Grip Weeds

5: Ain’t Gonna Go to Hell for Anybody – The Jive

6: Neighborhood Bully – The Cynz

7: Rainy Day Woman #12 & 35 – The Weeklings

8: Subterranean Homesick Blues – The High Frequencies

9: Stuck Inside of Mobile With the Memphis Blues Again – Paul Collins

10: It’s All Over Now, Baby Blue – The Midnight Callers

11: Meet Me in the Morning – The On and Ons

12: Mr. Tambourine Man – Nick Piunti

Julian, Joel, Jad and all that Jazz!

Auf der Suche nach einem neuen Live-Sound hat Bob Dylan drei Gitarristen gefunden, die Jazz und Swing spielen können. Aber wer kommt mit nach Europa?

Foto: http://www.bobdylan.com

„Bob Britt und Doug Lancio ordnen sich ohne jegliche Soloallüren in die geschlossene Mannschaftsleistung ein, wie man im Fußball wohl sagen würde“, schrieb ich im vergangenen Herbst in einem Bericht über die beiden Brüsseler Konzerte, die ich Ende Oktober 2025 miterleben durfte. Dies war deren Aufgabe während der „Rough And Rowdy Ways-Tour“ 2021 bis 2024, die noch bis Herbst 2025 verlängert wurde und die auch im Frühjahr noch den US-Konzerten den Namen gab. Die derzeitige Sommertour heißt aber „Hot Long Summer Tour“ unter Insidern oder schlicht „North America 2026 – Bob Dylan in Concert!“ wie es auf bobdylan.com heißt. Dazu kein Bild vom Skelett mehr, sondern ein gutaussehender Dylan auf einem Foto, da auch schon wieder einige Jahre alt ist.

Dylan baut Band mitten in der Tournee um

„Rought And Rowdy Ways“ ist also endgültig zu Ende. Doch Dylans neue musikalische Eingebung lief nicht zeitlich parallel ab. Erst im Sommer musste ihm klar geworden sein, dass er einen neuen Sound wollte, der mit Britt und Lancio nicht bekommen könnte. Wir erinnern uns, dass schon in Brüssel Dylan sich hin und wieder über Britt ärgerte. Im Sommer dieses Jahres muss die Einsicht bei Dylan und seine spürbare schlechte Laune so groß geworden sein, dass erst Lancio nach dem zweiten Konzert in Berkeley am 14. Juni den Absprung machte, durch Julian Lage ersetzt wurde und Britt nach dem 26. Juni den Dienst quittierte. Und weil Julian eigene Konzerttermine hatte, sprang am 29. Juni Joel Paterson als Ersatz ins kalte Wasser. Einige Dates lang sogar als einziger Gitarrist einer nur noch vierköpfigen Band. Am 8. Juli stieß dann wieder Julian Lage dazu, nur um am 10. Juli vom dritten neuen Gitarristen Jad Tariq ersetzt zu werden. Seitdem ist wechseln sich Julian und Jad immer mal wieder ab, während Paterson die sichere Bank ist.

Jazz-Wunderkind Julian Lage

Für viele Kritiker ist die Mitwirkung des einstigen „Jazz-Wunderkindes“ Lage – seine ersten Auftritte absolvierte der im Alter von sechs Jahren – die größte Sensation und er wird als der beste Gitarrist gehypt. Er ist unter Jazzkenner-Kreisen absolut anerkannt und hat eine eigene Karriere vorzuweisen, die ihn auch immer mal wieder nach Europa führt. Dass Dylan ihn ausgewählt hat, zeigt, dass er an einem jazzigen, swingenden Sound Interesse hat.

Da aber Jazz für mich per se nichts hochwertigeres als Folk, Blues und Country ist – siehe auch die schwachsinnige Unterscheidung in E- und U-Musik – interessieren mich persönlich die beiden Roots-Gitarristen ein kleines bisschen mehr. Denn die beiden machen auf Roots-Basis immer wieder Ausflüge in den Jazz- und Swing-Bereich.

Joel Paterson spielte mit Pokey LaFarge

Joel Paterson stammt aus der Roots Music-Szene von Chicago hat dort u.a. schon mit J.D. McPherson und Pokey LaFarge aufgenommen. Er ist ein versierter „Guitar Picker“ und spielt eine ganz spezielle Mischung aus Country, Blues, Rockabilly sowie Jazz und Western Swing. Zu seinen Vorbildern gehören u.a. auch Merle Travis und Chet Atkins, bekannt für ihr Picking-Spiel. Und auch Atkins unternahm Ausflüge in Jazz und Western Swing.

Jad Tariq: Rhythm & Blues-Held aus Memphis

Ja Tariq kommt aus der Rhythm & Blues-Szene von Memphis. Auch sein Gitarrenspiel hat einen swingenden Jazz-Rhythmus. Auch er begann schon früh die Bühnen zu erobern, er hatte schon mit 12 Jahre seine ersten Auftritte in Bars und Kneipen. Er ist ein ziemlich kompletter Musiker. Ein hervorragender Gitarrist, Songwriter und Sänger. Aber auch einer, der als Sidemen weiß, sich zurückzunehmen. Der das in einem Interview geradezu als Tugend dargestellt hat. Kann sein, dass ihn das bei Dylan in den Fokus rücken ließ. Denn das Duke Robillard-Trauma bei Dylan scheint tief zu sitzen.

In der Rough And Rowdy Ways-Tour waren die Gitarristen für den Klangteppich zuständig auf dem Dylan seine Klaviervariationen ausspielen durfte. Nun hat er wieder an Gitarristen Interesse, die eine eigene Kontur besitzen und auch immer wieder Soli spielen dürfen und sollen. Und schon verändert sich der Sound. Swingend, jazzig, gleitend, schwebend mit feinem picking. Und Songs wie „Tryin‘ To GetT o Heaven (Before They Closed The Door)” profitieren davon. Und Dylans Performance gewinnt dabei.

Die Musik verändert sich

Kurzum: Da scheint sich etwas zu entwickeln. Dylans Konzertreisen waren schon oft auch öffentliches Ausprobieren. Man darf gespannt sein, wen Dylan im Herbst in Europa dabeihat, und ob eine neue Freude an der Musik Dylan vielleicht Lust macht, auch mal wieder ins Studio zu gehen.

This Land Is Your Land, This Land Is My Land! – immer noch und jetzt erst Recht!

250 Jahre: Happy Birthday, USA! Nachdenkliche Glückwünsche an das Land der unbegrenzten Widersprüche

Woody Guthrie Center in Tulsa

Wer wie ich als Boomer mit Bonanza, Flipper und Rauchende Colts aufgewachsen ist, der hat von Anfang an die Soft Power Amerikas gespürt. Diese kulturelle Kraft, die mit Jazz und Blues, später Rock’n’Roll und Folk Revival den jungen Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg eine demokratische Kultur nahebrachte und die mit Hollywood und Vorabend-Serien auch die westdeutsche Alltagskultur prägte.

Dabei wurden die amerikanischen Widersprüche glatt weggebügelt. Während der Rock’n’Roll nach Europa schwappte und neben dem weißen Elvis auch die schwarzen Chuck Berrry und Little Richard zu Idolen wurden, versuchte der Ku Klux Klan jedwede Politik der Rassengleichheit mit Gewalt zu sabotieren. Und während Folk und Rockmusik „Made in USA“ die Jugend in Westdeutschland eroberte, führten die USA einen sinnlosen und brutalen Krieg in Vietnam.

Widersprüche: Soft Power und sinnlose Kriege

Diese Widersprüche musste man auszuhalten. Denn das Demokratie- und das Glücksversprechen der Gründerväter das steht schwarz und weiß geschrieben und ist in der Welt, auch wenn diese Gründerväter Sklavenhalter waren und spätere Regierungen diese Versprechen immer wieder konterkarierten, siehe auch die Kriege und den Landraub zu Lasten der Native Americans. Dieses Land ist auch nicht das Land der unbegrenzten Möglichkeiten – vom Tellerwäscher zum Millionär war schon immer die Ausnahme – sondern das Land der unbegrenzten Widersprüche.

Wie im Brennglas verdichtet macht sich das seit jeher in den Südstaaten deutlich, die gleichermaßen die Wiege des Schönen – Blues, Jazz, Country, Bluegrass; Rock’n’Roll – als auch des Schrecklichen – Sklaverei und Rassismus – sind. Und heutzutage sieht man in den Hochhausschluchten gleich neben den sich spiegelnden Luxusfassaden der Wolkenkratzer die Armen und Obdachlosen. Die soziale Ungleichheit haben in den USA eine atemberaubende Dimension erreicht. Das Gefälle zwischen Millionären und Milliardären und den Menschen, die mehrere Jobs machen müssen, um zu überleben, wird immer größer.

Die Gesellschaft der USA ist sozial tief gespalten. Doch während in den 1930er Jahren in der Zeit der Großen Depression Präsident Franklin D. Roosevelt mit dem New Deal eine Politik machte, die dem sozialen Zusammenhalt diente, machen MAGA und Milliardäre 90 Jahre später eine Politik, die das Gemeinwesen und den Gemeinsinn zerstören will und in der nur noch das Recht des Stärkeren gelten soll.

Progressive Tradition

Franklin D. Roosevelt, Wikimedia Commons

Doch das Land und seine Menschen sind nicht so einfach zu unterjochen. So wie es eine Tradition von ungezügeltem Kapitalismus, Rassismus und Gewalt in den USA gibt, so gibt es auch eine Tradition von Solidarität, Gemeinschaftssinn, Vielfältigkeit und Lebensreform. Walt Whitman und Henry David Thoreau, Frederic Douglass und Mark Twain, John Steinbeck, Howard Zinn und James Baldwin sind Dichter und Denker des progressiven Amerikas, die Wobblies, Mother Jones und Bernie Sanders seine politischen Institutionen, Woody Guthrie, Pete Seeger, Joan Baez, Bob Dylan und Bruce Springsteen seine musikalischen Botschafter.

Minneapolis hat es vorgemacht: Die Communities sind nach einem Moment der Schockstarre aufgrund der Morde an Renée Good und Alex Pretti aufgestanden. Die Communities versuchen, Latinos, Asiaten, Afrikaner vor den Zugriffen von ICE zu schützen. Sie demonstrieren regelmäßig und Bruce Springsteen schaute mit einem Solidaritätskonzert vorbei. Doch auch außerhalb des nördlichen Bundestaates gingen Millionen von Menschen bei den „No Kings“-Demonstrationen auf die Straßen. Und dort zeigte sich mit Jesse Welles ein Künstler, der die Fackel von Guthrie, Seeger und Dylan weiterträgt.

Mittlerweile verzweifeln viele Trump-Wähler am Chaos, der Inflation und dem wirtschaftlichen Niedergang den Trump zu verantworten hat. Im Hochbau, in der Automobilbranche und im Agrarsektor sehen die Wirtschaftsdaten miserabel aus. Trump hat den amerikanischen Arbeitern weißgemacht, die Transformation zu verhindern und die fossile Industrie wieder stark zu machen. Doch alle Zölle nutzen nichts. Die USA hinken beidbeinig hinterher und anstatt rechtzeitig einen Strukturwechsel zu planen, regiert nur Hass und Hetze.

Die USA brauchen eine demokratische Alternative

Die verbalen Ausfälle hatten für die Trump-Wählerschaft zwar anfangs noch Unterhaltungswert, doch davon kann man keine Familien ernähren. Die steigenden Preise durch die immer höhere Inflation, die durch die vom Iran-Krieg ausgelösten Energiekrise angefacht wird, führt zu einer allgemeinen Depression im Land. Die Stimmung zum 250. Geburtstag könnte schlechter nicht sein.

Von 2007 bis 2024 habe ich mehrmals das Land bereist. Erst New York City, dann die Südstaaten, Chicago, Tulsa, Oklahoma und Woodstock, New York. New York wurde immer mehr zum Moloch, zu viel, zu groß, zu hektisch. Im Süden ist es ruhiger und entspannter und die Leute sind gastfreundlich, doch unter der Oberfläche brodelt unentwegt die Vergangenheit. Es gibt in Tulsa eine linksliberale Szene rund um den Woody Guthrie Center, dem Bob Dylan Center, dem Buchladen Magic Books und dem Museum zum Massaker von 1921.

Country Queen Margo Price will mehr Unruhe gegen Trump, Foto: Loma Vista Recordings

Unser letzter Besuch 2024 stand schon im Zeichen der drohenden Regentschaft von Donald Trump. Es lag schon eine bleierne Schwere über den Leuten und man hörte sie im progressiven Woodstock in großer Sorge klagen. Nun regiert er schlimmer als erwartet, aber auch handwerklich schlechter als gedacht. Außer Pomp, Aufgeblasenheit, Narzissmus und Sprunghaftigkeit ist da nichts. Sein Land führt er in den Niedergang. Der 250. Geburtstag in den USA wird inmitten einer landesweiten mentalen Depression begangen.

Doch die Menschen aus den Grassroots-Organisationen gehen auf die Straße. Die Künstler – von Neil Young, Springsteen und Baez bis hin zu Jesse Welles, Margo Price und der Old Crow Medicine Show sprechen sich gegen Trump aus. Die Wissenschaftler sowieso. Es kommt jetzt auf die Demokraten an. Amerika braucht eine modifizierte Erzählung. Leben, Freiheit, Glücksversprechen für alle ist nur dadurch herzustellen, in dem auch alle dazugehören. Und dass die, die viel haben auch viel abgeben. Ein neuer New Deal für ein buntes, solidarisches Amerika. Dies ist die Aufgabe der Demokraten und dies muss die Alternative zur weißen, rechten Retro-Show sein. Damit sich Woody Guthries „This Land Is Your Land“ auch wirklich erfüllt.

In dieses Amerika werde ich gerne wieder reisen.

„The Still Freewheelin‘ Bob Dylan“ oder warum er mit 85 immer noch viel cooler ist als manch anderer

Konzerte in Europa, Kritik von Zeit- und Altersgenossen und weise Worte über Alter und Zeit

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Das war wieder eine gelungene Überraschung. Nicht wenige hatten gedacht, das war’s jetzt wirklich mit Bob Dylan-Konzerten in Europa. Die schon durchgebuchte Europa-Tour im Frühjahr, die ihn gerüchteweise wieder einmal nach Österreich, in die Schweiz und nach Tschechien geführt hätte, wurde abgesagt, kurz nachdem Freund Neil seine Tour abgesagt hatte. Ob es an der politischen Weltlage lag oder waren es tatsächlich erste wirkliche Alterserscheinungen? Seine „Long Hot Summer Tour“ ließ viele schon befürchten, er folge dem Beispiel von Willie Nelson und Merle Haggard. Während Letzterer sowieso hauptsächlich in Nord-Amerika auftrat, spielte Willie seine letzten Konzerte in Deutschland bereits 2010. Seitdem kommt er auch nicht mehr über den Teich. Und da war er „erst“ 78 Jahre alt. Doch Dylan bleibt Dylan. Mit einer gewissen Erleichterung sah die europäische Dylan-Community daher vor kurzem die öffentliche Verkündigung von drei skandinavischen Konzerten im Oktober.

Und doch geht es wieder nach Europa

Merke: Scheinbar solange es irgendwie geht – Transatlantik-Flüge und ständige Bustouren sind für 85-jährige auch kein Kindervergnügen mehr – spielt er auch in Europa. Und da geht es um mehr als um weitere Live-Auftritte. Meine These: Dylan ist Europa kulturell sehr verbunden. Ob Dichtkunst, Malerei oder Theater – der Literatur-Nobelpreisträger von 2016 atmet gerne den Geist von Shakespeare, Michelangelo, Picasso, griechischer Klassik und italienischer Commedia del‘ Arte -und ist allein damit schon ein Gegenentwurf zur isolationistischen und kulturfernen MAGA-Bewegung.

Dabei stellen sich für die anstehenden Europa-Konzerte einige wichtige substantielle Fragen. Wird seine Setlist sich eher an den Sommerkonzerten oder an den üblichen RARW-Konzerten orientieren? Wer wird Gitarrist sein? Hat er in Anton Fig den Schlagzeuger seines Vertrauens endlich gefunden? Und: Wird er den Hoodie tragen und die Kapuze aufsetzen?

Was sich sicher nicht ändern wird – und das finde ich auch gut so – ist seine Haltung zur Kunstform Konzert selbst. Keine Ansagen, kein „Schön wieder hier zu sein“ oder gar Erklärungen zu den Songs. Bei Dylan gibt es „Musik pur“. Und das ohne die Greatest Hits. Und als wäre das nicht schon seit vielen Jahren klar bei Dylan-Konzerten, fühlten sich jüngst zwei Zeitgenossen und Weggefährten Dylans dazu berufen, die Musiklegende für ihre Konzerte zu kritisieren.

Anwürfe zweier Weggefährten

Paul McCartney, Foto: Wikimedia Commons

So soll laut Rolling Stone die Beatles-Legende Paul McCartney kürzlich in einem Interview folgendes zum Besten gegeben haben: „Ich war schon bei einigen von Bobs Konzerten und konnte nicht erkennen, welchen Song er gerade spielte. Da übertreibt er schon, finde ich. Ich verstehe schon, wenn er ‚Mr. Tambourine Man‘ nicht spielen will. Vielleicht hat er die Nase voll davon, aber ich würde es gerne hören. Und ich habe dafür bezahlt.“ Wahrscheinlich würde auch Paule den Impersonator vor der Konzerthalle besser finden als den Meister selbst. Aber es sind eben grundlegend andere Konzepte. Paul war schon immer der bravste und verbindlichste der Beatles. Er hat schöne Songs geschrieben. Neben den großen Bob Dylan, Leonard Cohen oder Paul Simon aber reiht er sich nur als Teil des Duos Lennon/McCartney ein. Und seine Shows haben immer so ein bisschen „Ihr bekommt die Nostalgie, die Ihr wollt“ als Haltung. Natürlich schätzt er Dylan und der ihn ebenso. Aber hier liegt er daneben.

Der zweite Anwurf, den man nicht gebraucht hätte, kommt von Noel Stookey. Noch ein Paul. Nämlich der von Peter, Paul und Mary. Der Rolling Stone hat den fast 90 Jährigen zu den Ereignissen in den 1960er-Jahren interviewt und der merkt an, dass ihm Bob Dylan heute leid tue. Weil die Konzerte wären alles, was er habe. Und dass ihm das letzte Dylan-Konzert, das er gesehen habe, nicht gefallen hat. Weil Dylan so distanziert gewesen sei und er gespielt habe, als wären die Zuschauer überhaupt nicht da.

Paul (Noel Stookey), Mary & Peter, Foto: Wikimedia Commons

Was soll man dazu sagen? Weder Alter, noch Ruhm schützen vor Torheit. Wenn Dylan die Resonanz der Zuschauer nicht brauchen würde, wäre er schon lange nicht mehr auf Tour. Nur weil, er die üblichen Show-Mätzchen nicht mitmacht, spürt und braucht er dennoch sein Publikum.

Dylan hat gesprochen!

Da hören wir doch lieber Dylan selber zu. Denn der hat doch tatsächlich öffentlich gesprochen. Die New York Times befragte anlässlich des 80. Geburtstags von Donald Trump eine Reihe von Prominenten jenseits der 80 zu ihren Gedanken über das Älter werden. „Das Beste daran, 80 zu sein, ist, dass man die Uhren überlebt, die einem immer im Nacken saßen. Es ist die Freiheit von der Lüge, dass irgendetwas je unter Kontrolle war“, sagte Dylan über das Achtzigwerden. „Man jagt der Parade nicht mehr hinterher. Man ist ein alter König aus einem verschwundenen Land. Du lässt dich schwerer programmieren.“

Dylan bleibt cool, Foto: Sony Music/ William Claxton

Und das negative? Dylan sagte: „Das wirklich Schlimmste daran, 80 zu sein, ist, dass man schließlich feststellt, man hat ein Verständnis für etwas erlangt, das in der Vergangenheit alles hätte verändern können, wäre es zu einem Zeitpunkt gekommen, als noch etwas zu verändern gewesen wäre. Wenn man jung ist, glaubt man, die Zeit bewegt sich vorwärts. Mit 80 weiß man, dass sie das nicht tut – sie steht still. Wir sind diejenigen, die sich bewegen.“ Gar nicht äußerte er sich zur dritten Frage, bei der nach einem Rat für Trump gefragt wurde. Dylan bleibt dabei. Er straft Trump durch Nichtbeachtung.

Dylan bleibt cool

Und so zeigt sich in diesem heißen Sommer – bevor im Oktober die Rückkehr des Meisters nach Europa ansteht – ein Bild von Bob Dylan ab, das uns gefällt. Abseits aller Anwürfe, aller Larmoyanz und aller angeblichen Notwendigkeiten ist Bob Dylan weiter einer der coolsten Typen auf diesem Planeten. Nicht der narzisstische Diktator im Weißen Haus oder die psychisch-deformierten, wahnsinnigen Tech Bros sind cool. Die geifern vor Hass.

Dylan dagegen bleibt stabil, bleibt menschlich, bleibt cool. Ob früher mit Sonnenbrille oder jetzt mit Hoodie.

Congratulations, Bob Dylan!

Thomas Waldherrs Lesereise endet mit einem umjubelten Bob Dylan-Tribute in der Bessunger Knabenschule

Das große Finale, Foto: Cowboy Band Blog

Musikerinnen und Musiker mit brillanten Dylan-Songversionen, ein begeisterungsfähiges und begeistertes Publikum sowie ein Kurator, der vom Rezitator zum Jungen mit der Mundharmonika wurde. So verlief das große Bob Dylan-Tribute in Darmstadt.

Schon Tage vorher ausverkauft

Dan Dietrich und die Julia van Embers Band, Foto: Cowboy Band Blog

Schon tagelang war der große Bob Dylan-Abend der Darmstädter Americana-Reihe anlässlich des 85. Geburtstages der Musiklegende ausverkauft. Und so strömten die Massen in die Knabenschule und die Halle war picke-packe-voll. Mit „Congratulations“ von den Traveling Wilburys aus dem Off startete dann der Abend. In vier Abschnitten unterteilt wurde schlaglichtartig die Geschichte Bob Dylans von den Anfängen in Ney York 1961 bis zu den aktuellen Konzerten erzählt.

Dana & Tino, Foto: Cowboy Band Blog

Natürlich startete Dan Dietrich mit dem „Song to Woody“ und bei „The Times They Are A-Changin‘“ wurde auch schon kräftig mitgesungen. Dan hatte wie üblich das Publikum durch seinen Charme und seine Spielfreude sofort im Griff. Es ging weiter mit der Geschichte von Bobby und Joanie, die Dan & DanaMaria wunderbar in zwei tollen Songversionen von „Mama You Been On My Mind“ und „It Ain’t Me Babe“ erzählten, ehe Dylan das Folkrevival 1965 in Newport pulverisierte. Martin Grieben und das Julia van Embers Trio spielten zum Abschluss des ersten Teils ein ebenso melodisches wie lautes „Like A Rolling Stone“.

Martin Grieben, Foto: Cowboy Band Blog

Vier Schlaglichter auf Dylans Karriere

Im zweiten Teil ging es um die Basement Tapes, John Wesley Harding und Nashville Skyline und so interpretierte beispielsweise Richard Limbert „Goin‘ To Acapulco“ und das Julia van Embers Trio spielte ein wunderbar jazzig-souliges „I’ll Be Your Baby Tonight“, ein treibendes „All Along The Watchtower und eine ebenso schöne wie ungewöhnliche Version von „You Ain’t Goin Nowhere“, bei der das Publikum zum Chor wurde. Neben der tollen Leadsängerin und Bassistin Julia van Embers glänzten hier Tino Rühlemann mit überirdischen Gitarrenklängen und Stevo Harrison ließ das Dobro weinen und wimmern, dass eine wahre Freude war.

Nach der Pause las Thomas Waldherr aus seinem neuen Buch „In The Summertime. Bob Dylan 1981“ und erzählte von seiner Frühzeit als Dylan-Fan in Darmstadt. Und da Hurricane sein erstes Dylan-Lied war, das er je gehört hat, spielte Dan Dietrich die Melodie dazu. Bei Dylans Jesus-Jahren berichtete Waldherr, wie er Dylan treu bleiben konnte, indem er in den Songs Jesus durch eine Frau ersetzte. Und bei „In The Summertime“ und „I Believe In You“ griff er dann zur Mundharmonika. Und als Martin Grieben die Leute bei „Ain’t Gonna Go To Hell For Anybody“ zum mitsingen animierte, unterstützte der Kurator die Bemühungen, indem er den Refrain auf Papptafeln präsentierte. Die Anspielung führte zu großer Heiterkeit.

Richard Limbert, Foto: Cowboy Band Blog

Brillante Versionen der Dylan-Songs

Im letzten Abschnitt schließlich ging es um das Spätwerk Dylans. Da zog Martin Grieben alle in seinen Bann, als er für „Trying To GetT o Heaven“ das Folk-Rock-Terrain völlig verließ und eine brillante jazzig- experimentelle und doch melodische Version des Songs intonierte. Großes Staunen allerorts. Nachdem Dana & Tino „Make You Feel My Love“ ganz sanft gespielt hatten, wurde es mit Richard Limberts von Stevo Harrison am Banjo und Tino Rühlemann an der Gitarre unterstützten Version von „Highwater Everywhere“ erdiger. Ganz stark. Mit „When I Paint My Masterpiece“ – auch das in einer ebenso ungewohnten wie brillianten Version – bog der Abend dann in die Zielgerade, ehe „I Shall Be Released“ und „Forever Young“ die Tribute-Veranstaltung nach mehr als zweieinhalb Stunden Programm unter großem, donnernden Applaus und vielen Bravo-Rufen beschlossen.

Thomas Waldherr, Cowboy Band Blog

Applaus, Bravo-Rufe und strahlende Gesichter

Am Ende nur strahlende Gesichter und erschöpfte, aber glückliche Musiker. Ein würdiger Abschluss einer nicht nur für Thomas Waldherr denkwürdigen Dylan-Lesereise. Von der Ouvertüre mit Sam Kuhfus‘ Local Music Radio Show über die Stationen Bensheim, Ravensburg, Leipzig, Seeheim-Jugenheim, Eisenach führte der Weg nach Darmstadt. Dort wo die Homebase der Americana-Reihe ist. Dort wo das jährliche Bob Dylan-Tribute von Thomas Waldherrs Darmstädter Americana-Reihe in der Bessunger Knabenschule ein fester Termin im Darmstädter Kulturkalender geworden ist.

Luther + Bach, Lippmann + Rau, Limbert + Waldherr

Die fünfte musikalische Dylan-Lesung fand an traditionsreicher Stelle im ohnehin schon geschichtsträchtigen Eisenach statt und begeisterte auch hier die Anwesenden

Richard Limbert + Thomas Waldherr beim Schlussapplaus, Foto: Cowboy Band Blog

Nun also Eisenach. Nach Leipzig das zweite Heimspiel für Richard Limbert. Denn im Lippmann + Rau-Archiv arbeitete er bis vor kurzem noch und ist dem Haus auch immer noch sehr verbunden. Und hier recherchierte ich auch für mein neues Buch „In The Summertime. Bob Dylan 1981“, das ich derzeit mit lokalen Musikern in meiner musikalischen Lesereise bewerbe.

Das Lippmann+Rau-Archiv befindet sich in dem Industriedenkmal Alte Mälzerei, dessen Keller seit den 1990er Jahren den im Jahr 1959 gegründeten Jazzclub Eisenach beheimatet. Es war also ein geschichtsträchtiges Terrain auf dem wir am vergangenen Samstagabend (23. Mai) unser Programm vortrugen. In einer ohnehin geschichtsträchtigen Stadt, die mit Bach-Haus, Luther-Haus und Wartburg gleich mehrere Geschichtsdenkmäler besitzt.

Richard zeigte Fundstücke aus dem Archiv, Foto: Cowboy Band Blog

Der Keller füllte sich bis zum Veranstaltungsbeginn richtig gut und nach der Begrüßung durch Daniel Eckenfelder vom Jazzclub verlief der Abend dann ebenso wie die vorherigen sehr schön. Das Publikum war aufmerksam und an vielen Stellen auch vergnügt, ich las aus meinem Buch, Richard spielte in großartiger Manier die Dylan-Songs dazu, mehrmals sang ich mit oder verzierte die Lieder mit Harp-Solos. Richard erzählte auch von seinem eigenen Dylan-Fan-sein, seinem ersten Konzert 2011 und zeigte auch einige Stücke zur Tour 1981 aus dem Fundus des Archivs. Denn schließlich war auch für diese Deutschlandtour Dylans Fritz Rau der Veranstalter.

Wie auch in Leipzig, erzählte ich in einem Exkurs über das Dylan-Konzert 1987 in Ost-Berlin, dass einige Saal persönlich miterlebt hatten. So kam es neben der Konzertlesung auch zu ganz viel Schwelgen in Erinnerungen. Richard intonierte dazu passend „I Dreamed I Saw St. Augustine“, denn dieses Stück spielte Dylan damals im Treptower Park und in St. Augustin bei Bonn stammt Richard auch ursprünglich.

Musikalische Lesung, Foto: Cowboy Band Blog

Wir schlossen unser reguläres Set mit „In The Summertime“ und spielten für das höchst erfreute Publikum dann noch drei Zugaben: „I Shall Be Released“, „Jokerman“ und als vorzeitigen Geburtstagsgruß „Forever Young“. Allerseits fröhliche Gesichter und nach vielen Gesprächen sowie Bücher signieren und widmen feierte dann ein kleiner Kreis noch in Bobs Geburtstag hinein.

Und jetzt geht das ganze Projekt in die Zielgerade. Am Donnerstag ist dann das Finale beim großen Bob Dylan-Tribute in Darmstadt.

Menschen, Bücher, Dylan-Songs

Auch die Jugenheimer Station der Dylan-Lesereise war geprägt von großem Zuschauerzuspruch und einer vergnügt-interessierten Stimmung

Hatten viel Spaß: Thomas & Dan, Foto: Cowboy Band Blog

Und wieder war es eine ganz andere, besondere Atmosphäre bei dieser Station der Lesereise „In The Summertime. Bob Dylan 1981“. In der Buchhandlung Zabel in Seeheim-Jugenheim war natürlich die musikalische Lesung zu meinem neuen Buch bestens aufgehoben. Inmitten von Literatur und Sachbüchern waren 40 Stühle gestellt worden, am Ende war das Ladengeschäft proppenvoll und bestimmt weit mehr als 50 Personen da. Einige fanden keinen Sitzplatz mehr und beobachteten das Geschehen an der offenen Ladentür.

Sigrid Zabel eröffnete, Foto: Cowboy Band Blog

Nach der Begrüßung durch Inhaberin Sigrid Zabel gingen Dan Dietrich und ich mitten rein mit „In The Summertime“ und ich erzählte abermals von der Jugend eines Dylan-Fans in Darmstadt, von Beginn der Reagan-Ära als Startschuss für den verheerenden Siegeszug des Neoliberalismus, der politischen Ernüchterung, die viele Progressive zu Gott und Guru flüchten ließen, Bob Dylans Konversion und seiner Befreiung aus dem Gedankengefängnis und natürlich über seine Deutschland-Tournee im Sommer 1981.

Dan spielte wunderschöne Versionen von „Senor“, von „Lenny Bruce“ und mischte „Precious Angel“ geradezu artistisch mit Neil Youngs „Rockin‘ In A Free World“ und Dylans „All Along The Watchtower“. Gemeinsam sangen wir neben dem Titelstück noch I Believe In You und Heart Of Mine. Dazu ließ ich die Mundharmonika recht dylanesk erklingen.

Thomas an der Harp, Foto: Cowboy Band Blog

Das Publikum hörte interessiert zu und kommentierte die Lesungen mit Lachen, Schmunzeln, aber auch deutlich hörbaren Unmutsäußerungen, als ich die Pressekommentare zur Tour zitierte.

Und so vergingen die gut anderthalb Stunden wie im Flug und am Ende bekam ich so viele Bücher zum signieren und widmen wie noch nie auf dieser Lese-Tour. Ein absolut gelungener Abend. Vielen Dank an Dan, an Sigrid Zabel und ihr Team der Buchhandlung und natürlich an alle, die da waren. Wir machen das oder ähnliches in Jugenheim bestimmt mal wieder. Und jetzt geht es zur nächsten Station: Samstag in Eisenach, im Jazzclub Alte Mälzerei. Wieder mit dabei: Richard Limbert!

Leipziger „Basement Tales“

Die dritte Station der Lesereise war zu DDR-Zeiten die Folk-Hochburg der Republik. Mit Richard Limbert im Mühlkeller.

Foto: Wolfgang Leyn

Aus vielerlei Gründen war dieser Besuch in Leipzig denkwürdig. Wir waren das erste Mal überhaupt dort und schon nach kurzer Zeit schlug uns die Stadt in ihren Bann. Eine moderne Großstadt, weltoffene Messestadt und gleichzeitig kann man an jeder Ecke etwas historisches Entdecken. Von Auerbachs Keller über die Thomaskirche mit ihrem Thomanerchor bis zur Börse, einem pittoresken Palais mitten im Zentrum.

Foto: Cowboy Band Blog

Unser Auftritt fand aber nicht in Auerbachs Keller, sondern im Mühlkeller in der Mühlstraße statt. Ein kleiner, uriger Veranstaltungsraum, der kaum mehr als 30 Personen fasst. Und die Plätze waren dann auch alle besetzt, als Richard Limbert und ich die Bühne enterten. Seit DDR-Zeiten ist Leipzig eine Folk-Hochburg und Richard ist einer der Vertreter der zeitgenössischen Folkszene der Stadt.

Als Lokalmatador hatte er zu den Songs immer etwas Interessantes oder Humorvolles beizutragen. So stimmte die Mischung aus Musik und Lesung, aus Gesang und humorvollem Geplauder, so dass es ein wirklich kurzweiliger Abend wurde. Richard hatte noch „Man Gave Names To All The Animals“ auf die Setlist genommen und natürlich gingen wir an dieser Stätte auch auf Bob Dylans einziges Konzert in der DDR 1987 in Ost-Berlin ein.

Foto: Cowboy Band Blog

Mein Vortrag über die enttäuschten Erwartungen der Fans und den triumphierenden Zeilen der SED-Presse wurde von ihm mit „I Dreamed I Saw St. Augustin“ ergänzt, den Song hatte Dylan damals in Ost-Berlin tatsächlich gespielt. Für Richard war das ein besonderes Vergnügen, schließlich stammt er ursprünglich aus St. Augustin bei Bonn. Am Ende spielte ich noch ein Mundharmonika-Solo bei „Every Grain Of Sand“ und als Zugabe spielten wir ganz am Ende „I Shall Be Released.“ Und ernteten einen ganz großen Applaus. Wieder hat die musikalische Lesung beim Publikum Gefallen gefunden.

So vergingen die zwei Stunden wieder wie im Flug und wir führten nachher noch interessante Gespräche mit Zuhörern wie Wolfgang Leyn, der die Website Ostfolk.de betreibt und in Ost-Berlin 1987 mit dabei war. Mein Dank gilt Richard und natürlich Jens und dem Team vom Mühlkeller.

Nächste Station ist Seeheim-Jugenheim!