Country Joe McDonald (1942 – 2026)

Für mich hatte Country Joe McDonald stets zwei Gesichter. Da war der langhaarige, junge, wie aufgedreht wirkende Musiker, der 1969 in Woodstock mit seinem „I Feel Like I’m Fixin‘ To Die Rag“ und seiner Band Country Joe and the Fish in Woodstock für Furore sorgte. Unvergessen wie er seinen beißend kritisch-spöttischen Anti-Vietnamkriegs-Song mit seinem „Fuck Cheer“ einleitet: „“Gimme an F, gimme a U, gimme a C, gimme a K”, um dann am Ende alle zusammen „Fuck“ rufen zu lassen.

Country Joe McDonald, Foto: Wikimedia Commons

Kaum zu glauben, dass das derselbe Mensch war, den ich 2007 in Joe’s Pub in New York erleben durfte. Fast vierzig Jahre nach Woodstock kam da ein fast schüchtern wirkender Mann auf die Bühne und spielte völlig unprätentiös ein Woody Guthrie-Programm.

Country Joe erlebte nach der Veröffentlichung seiner beiden Alben „Electric Music for the Mind“ und „Body und I-Feel-Like-I’m-Fixin’-to-Die“ (beide aus dem Jahr 1967) und dem Woodstock-Album den Höhepunkt seiner Karriere. Damals changierte er zwischen Psychedelic Rock und Folkmusik. Er sollte fortan weiterhin Musik der unterschiedlichsten Genres machen, spielte unzählige Konzerte und Festivals, aber den Erfolg der späten 1960er Jahre sollte er nie wieder erleben. Einige Jahre veröffentlichte er schließlich gar keine Platten, ehe er ab den 1990ern nur noch in größeren Abständen Alben veröffentlichte. 2008 erschien sein Woody Guthrie-Tribute, dann 2012 „Time Flies By“ und sein letztes Album „50“ stammt aus dem Jahr 2017.

Country Joe McDonald bleibt ewig verbunden mit den Protestbewegungen der 1960er Jahre. Nun ist Country McDonald im Alter von 84 Jahren verstorben. Rest In Peace, Country Joe!

Bruce ist nicht Bob und Bob ist nicht Bruce

Doch von beiden kann der Widerstand gegen Trump und dessen Maga-Faschismus lernen

Das ist Bruce, nicht Bob. Copyright: Wikimedia Commons

Als Bruce Springsteen vor ein paar Wochen den Protestsong „Streets of Minneapolis“ veröffentlichte, da gab es Musikkritiker, die dies als „Gratismut“ abqualifizierten. Von Rockstars, die eh nicht existentiell von Trump bedroht würden. Weit gefehlt, so meine Meinung. Auch ein Springsteen oder eine Lucinda Williams, die sich auf ihrem neuesten Album „World’s Gone Wrong“ mit der unheilvollen Situation in den USA auseinandersetzt, sind der Gefahr von Milliarden-Klagen, Verleumdungskampagnen, Morddrohungen, Ausbürgerung oder schlimmerem ausgesetzt. Auch wenn Springsteen hohe Popularität besitzt. Thomas Mann halfen weder Weltstarstauts noch Nobelpreis gegen die Nazis. Aber warum Gratismut? Selbst wir also davon ausgehen sollten, dass Springsteen weniger zu befürchten hat, als andere – wer, wenn nicht er, sollte denn dann überhaupt den Widerstand wagen?

Springsteen kommt mit der Kavallerie

Ganz klar: Springsteen gibt hier die Rolle des reinen beobachtenden Künstlers auf. Er macht sich mit einer Sache gemein. Er rückt mit seiner E-Street-Band auf der „Land Of Hope And Dreams/ No Kings“-Tour quer durch die USA in den Kampf gegen Trump und Maga ein. „Die Kavallerie kommt“, schreibt er in seinem Ankündigungs-Statement frech. Der 76-jährige Springsteen weiß, dass je länger sich Trump und sein System an der Macht halten, ein wirklich freies und gerechtes Amerika immer unwahrscheinlicher wird. Also will er den Menschen mit seinen 19 Konzerten auf der Reise von Minneapolis bis Washington Mut machen, Widerstand zu leisten. Wir können davon ausgehen, dass Springsteen dann ähnliche Reden halten wird, wie auf seiner letztjährigen Europatournee.

Doch was weit weg von den USA bei Trump nur zu ein paar abfälligen Kommentaren auf seiner Plattform „Truth Social“ führte, dürfte in den USA zu deutlich größeren Racheakten der herrschenden MAGA-Bande führen. Ein Szenario, dass MAGA-Fußvolk, ICE und Nationalgarde sich auffällig Veranstaltungsstätten annähern und Besucher drangsalieren und versuchen, zu ängstigen ist keine völlig abwegige Annahme. Und dann wird jedes Springsteen-Konzert zu einer offenen Auseinandersetzung und jeder Konzertbesucher muss sich klar werden, dass hier seine Zivilcourage gefragt ist. Daher wird diese Konzerttour eine der spannendsten, gefährlichsten und denkwürdigsten Unternehmungen in der Rockgeschichte.

Springsteen der Aktivist, Dylan der Philosoph

Das ist Bob, nicht Bruce. Copyright: Wikimedia Commons

Die andere große amerikanische Rock-Ikone, der fast 85-jährige Bob Dylan, macht unterdessen Dylan-Sachen. Er hält keine politischen Reden, denn er wollte nie eine politische Leitfigur sein. Aber seine Songs, auch die, die er aktuell in seinen Konzerten spielt, sind voll von Gedanken, Einsichten und Wortbilder, die für freie Menschen und freien Geist und gegen Überwältigung und Manipulation stehen. Ob „False Prophet“, „Mother Of Muses“ oder „Key West“, sie alle atmen den amerikanischen Freiheitsgeist und sind nicht anschlussfähig für die MAGA-Ideologie. „Along The Watchtower“ sowieso und „Masters Of War“ erinnert uns daran, dass der von Schwurblern gefeierte „Friedenspräsident“ in einer Welt ohne Regeln wie ein Gossenschläger auf unliebsame Staaten eindrischt und am Ende natürlich der Trump-Clan und die Rüstungskonzerne profieren.

Bob Dylans universelle und im Zeitalter der bürgerlichen Herrschaft zeitlose Songs sind daher auch immer als Statements gegen Trump zu verstehen. Und dass er mit seinen Freunden Willie Nelson, Neil Young und John Mellencamp, die allesamt ebenfalls Ikonen des „anderen“ Amerikas sind, zusammen bei Live Aid auftritt, zeigt „On which Side he is“. Dylans Lyrik der Ambivalenz und seine Selbstdefinition als autonomer Künstler sind nie Freifahrtscheine für Zyniker gewesen, denen eh alles egal. Dies ist ein großes Missverständnis. Wenn Bruce Springsteen, der politische Aktivist ist, dann ist Dylan der humanistische Philosoph.

Von Springsteen und Dylan lernen

Von beiden kann man für den Widerstand gegen Trump und MAGA lernen. Kraft und Zusammenhalt von dem einen, Freigeistigkeit und Individualität von dem anderen. Im Kampf gegen den neuen Faschismus bracht man beides. Und stärken beide den Widerstand. Und zu dem gibt es keine Alternative. Ob jetzt in den USA oder möglicherweise bald auch bei uns.

Ein Meisterwerk des Protestsongs

Springsteens „Streets of Minneapolis“ ist nicht nur der Song der Stunde, in ihm verdichtet sich amerikanische Politik und Kultur/ Referenzen an Bob Dylan

Bruce Springsteen, Foto: Wikimedia Commons

Ausgerechnet Minneapolis. Ausgerechnet hier kulminierte die rücksichtslose, brutale staatliche Gewalt unter Trump. Ausgerechnet hier starben zwei Menschen – Renee Good und Alex Pretti – durch die Trump-Miliz ICE, so etwas die „Revolutionswächter“ von Trump und MAGA.

Wir erinnern uns: 2020 kam in Minneapolis George Floyd durch einen brutalen Polizeieinsatz ums Leben. Danach erstarkte für viele Monate die „Black Lives Matter“-Bewegung während der ersten Präsidentschaft Trumps. Der legte dazu einen denkwürdig-martialischen-fragwürdig-peinlichen Auftritt mit der Bibel falsch rum in der Hand vor der St. John’s Church in Washington D.C. hin, der staatliche Macht in unruhigen Zeiten symbolisieren sollte.

Wir erinnern uns: Running Mate der glücklosen demokratischen Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris war der Gouveneur von Minnesota, Tim Walz. Walz und die demokratisch regierte Stadt Minneapolis waren also bei Trump und den MAGA-Leuten ohnehin schon verhasst. Kein Wunder, dass Minneapolis da ebenso wie Chicago, Portland, Los Angeles und San Francisco da ins Visier von ICE geriet.

Ausgerechnet Minneapolis

Und wir erinnern uns: 1920 – also 100 Jahre vor George Floyd – fand in in Duluth, Minnesota, ein Lynchmord an drei schwarzen Zirkusarbeitern statt. „They selling postcards of the hanging“ singt Bob Dylan in „Desolation Row” und zeichnet da nicht irgendeine surreale Szene, sondern beschreibt die realen Begebenheiten, die ihm sein Vater, der als acht-jähriger nur ein paar Straßen vom Tatort entfernt lebte, weitergegeben hatte. Das musste traumatisch für die Familie Zimmerman gewesen sein, war sie doch ein paar Jahre vorher wegen antisemitischer Pogrome aus dem russischen Reich nach Amerika ausgewandert.

Und genau dieses „Desolation Row“ nimmt Bruce Springsteen als musikalische Basis seines Protestsongs „Streets Of Minneapolis“ und verdichtet damit amerikanische Politik und Kultur wie in einem Brennglas. Rassistische und politisch motivierte Gewalt hat in Amerika eine lange, unselige Tradition. Bob Dylan hat sie in Songs wie „The Death Of Emmett Till“, „Oxford Town“, „Only a Pawn in Their Game“ oder “The Lonesome Death Of Hattie Caroll” aufgespießt oder eben in „Desolation Row“ surreal verfremdet dargestellt. Wenn Bruce Springsteen sich hier bei Dylan musikalisch bedient, textlich aber ganz situativ und konkret die aktuellen Missstände aufgreift wie Protestsänger wie Woody Guthrie, Pete Seeger oder Phil Ochs, dann führt er kulturelle Traditionen Amerikas fort.

Der Song der Stunde

Und wenn Springsteen sich über die Vorfälle in Minneapolis entsetzen und empören muss und zum Widerstand aufruft, dann führt die politische Linie, gegen die es sich zu wehren gilt, direkt von den rassistischen Lynchmördern von Duluth über den Ku-Klux-Klan und seine Morde an Bürgerrechtlern in den 1960er Jahren bis hin zum rassistischen Staatsterror der ICE-Milizen im Winter 2026.

Genau deswegen ist Springsteens Song ein Meisterwerk des Protestsongs und geeignet dafür, Widerstand zu entfachen, zu stärken und ihm eine musikalische Ausdrucksform zu geben. So wie das Bob Dylan mit seinen Songs in den 1960er Jahren geschafft hat.

Americana in den Zeiten von Trump

Das Land entfernt sich von uns, die Musik bleibt uns nah/ Bob Dylan bleibt ein Fixpunkt/ Darmstädter Americana-Reihe geht weiter

Americana – jetzt erst recht! Thomas Waldherr, Foto: Axel Groß

Dass mit Trump eine Zeitenwende kommen wird, war klar. Jetzt wo wir mitten drin sind, ist es aber trotzdem schwer auszuhalten. Hatz auf Migranten in den USA, Besetzung demokratisch regierter Städte durch die Nationalgarde, Zerschlagung wichtiger Teile des Staatsapparates, absoluter Vorrang der Geschäftsinteressen von Trumps Familie und Freunden und nun die klaren imperialen Drohungen gegen Venezuela, Grönland, Mexiko, Kolumbien und Mexiko. Die USA agieren nicht mehr wie der Weltpolizist, sondern wie der Welt-Gossenschläger.

Seit Ende des 2. Weltkriegs hatten die USA Deutschland und Westeuropa vor allem auch mit ihrer „Soft Power“ an sich gebunden: Musik, Film, Literatur. AFN, Jazzclubs, Bluesmusik. Selbst die Musik, die in Amerika gegen die herrschende Politik in den USA in den 1960ern rebellierte, kam dadurch nach Deutschland: Bob Dylan, Joan Baez, Pete Seeger. Und es kamen auch Country und Americana nach Deutschland.

Das Ende der „Soft Power“

Schon die Präsidenten Bush Vater und Sohn haben in der internationalen Politik die Möglichkeiten der Soft Power nicht mehr genutzt. Während Barack Obama wie weiland Jimmy Carter oder Bill Clinton immer eine enge Beziehung zu den Kulturschaffenden seines Landes hatte, ist Donald Trump und seine MAGA-Bande im Grunde kulturfern. Einzig rechte Country- und Rockmusiker wie Kid Rock oder Nickelback finden da Gehör.

Während amerikanische Musiker weiterhin gerne – oder jetzt noch lieber – nach Europa kommen, besteht aber die Gefahr eines gewissen kulturellen Ablösungsprozesses von Amerika. Zwar sind die Generationen, die vor 2000 geboren ist, noch fest mit amerikanischer (Populärkultur) verbunden. Aber wer nach 2000 geboren ist, der hat als Jugendlicher nur Trump und Biden als US-Präsidenten erlebt. Der ist mit Trump als feste, negative Größe der USA aufgewachsen. Wenn jetzt Amerika für seine Interessen alle internationalen Regeln und die gewachsenen Verbindungen zu Europa nicht mehr interessieren, und sich als Gegner Europas sieht, dann wird der kulturelle Einfluss Amerikas schwinden. Begünstigt auch von der deutschen Rechten und den Pseudo-Linken, denen die „Amerikanisierung“, sprich Liberalisierung Deutschlands, schon immer ein Dorn im Auge war.

Doch Amerika ist eben nicht nur Trump und MAGA. Die Darmstädter Americana-Reihe war schon immer dem „anderen Amerika“ verbunden. Dem Amerika der Bürgerrechtsbewegung, der Graswurzelbewegungen wie „Black Lives Matter“, der kritischen US-Popkultur.

Verbunden mit dem „anderen Amerika“

Denn es gab und es gibt seit jeher ein Amerika fern der Macht der Konzerne, der Tech-Bros, der evangelikalen Christen und der MAGA-Bande. Amerika war immer ein Hort der Widersprüche. Die Gründerväter der ältesten Demokratie der Neuzeit und Schreiber einer freiheitlichen Verfassung waren Sklavenhalter. Später gab es Rinderbarone und Ölmagnaten. Aber es gab auch immer Vertreter gesellschaftlicher Utopien, es gab friedensliebende Quäker, Henry David Thoreau, Walt Whitman, Ralph Waldo Emerson und Mark Twain, es gab die International Workers Of The World, die „Wobblies“ mit Joe Hill und dem „Little Songbook“ und dann eben Martin Luther King und andere, die für Bürgerrechte eintraten. Auf ihren Spuren zu wandeln in einem großen, vielfältigen Land, das machte den Reiz Amerikas aus.

Und gerade auch die großen Widersprüche haben über lange Zeit Amerikas durchaus auch obskure Faszination ausgemacht. Zwar war in der Zwischenkriegszeit 1918 bis in die 1940er Jahre der Ku-Klux-Klan auf der Höhe seiner gesellschaftlichen Verankerung und rassistische Lynchmorde im Süden fast schon alltäglich. Aber an den entscheidenden Hebeln der Macht saßen in Washington Franklin D. Roosevelt und eine Administration von aufgeklärten Demokraten und Linksliberalen und standen gesamtgesellschaftlich für eine soziale Politik und eine Wertschätzung der Kultur der einfachen, hart arbeitenden Leute.

Heute aber sitzen erstmals in der jüngeren Geschichte der USA Leute an den Schalthebeln, die wirtschaftliche Macht und politische Macht in sich vereinen, die offen rassistisch, frauenfeindlich und kulturfern sind. Sie schätzen Countrymusik nur wenn sie spalterisch ist. Ansonsten bauen sie protzige Ballsäle und sind kulturell seicht unterwegs.

Doch das „andere Amerika“ ist weiterhin da. Und so wird es auch bleiben. Siehe Alexandria Occasio-Cortez, oder die Bürgermeister von New York Zohran Mamdani und Minneapolis Jacob Frey. Mehr denn je brauchen daher die fortschrittlichen Kräfte in den USA die internationale Solidarität. Die Americana-Reihe ist da nur ein sehr kleiner Teil, aber sie erfüllt damit in Darmstadt eine wichtige Funktion. Das progressive Amerika in der Tradition von Franklin D. Roosevelt, Woody Guthrie, Pete Seeger, Martin Luther King, Joan Baez, Bob Dylan über Robert Redford oder Stephen King bis hin zu Bernie Sanders, Bruce Springsteen und den genannten jüngeren Aktiven muss hierzulande weiterhin rezipiert werden.

„Americana geht weiter“ – Bob Dylan bleibt ein Fixpunkt

Darum bieten wir weiterhin amerikanische Musik an. Die Musik, die in Amerika durch die Menschen, die dort leben, entstanden ist. Von den europäischen Einwanderern. Von den afrikanischen Sklaven. Von den Native Americans. Von den lateinamerikanischen und asiatischen Einwanderern. Amerikanische Musik ist erst durch Fusion und Crossover wirklich amerikanische geworden. So wie das Banjo das erste amerikanische Instrument geworden ist, weil die afrikanische Vorform in den USA weiterentwickelt wurde und das Banjo sowohl von Schwarzen als auch von Weißen gespielt wird. So wie die angeblich weiße Countrymusik erst durch die Verschmelzung der angelsächsisch verwurzelten Folkmusik mit der afroamerikanischen Bluesmusik möglich wurde.

Copyright: Sony Music

Die Verbindung von Folkballaden mit Bluesschema, Country-Twang und Yodel, Blues-, Jazz- und Swing-Synkopen, Blasmusik und Ragtime sind die Wurzeln von Country, Bluegrass und Western Swing. Und heutzutage bringen progressive Freigeister auch lateinamerikanische oder asiatische Musik mit Bluegrass zusammen. Oder bringen Country und Folk mit Hip Hop zusammen.

Immer wieder wird natürlich danach gefragt, warum engagieren sich nicht mehr Musiker politisch. Dabei sind es gar nicht zu wenige: Bruce Springsteen, Joan Baez, Neil Young sind da zu nennen. Dann gibt es jüngere Jesse Welles oder Carsie Blanton, die neben ihrer Musik auch bei politischen Veranstaltungen mitmachen. Aber auch ein Bob Dylan, ein Willie Nelson oder ein John Mellencamp sind aufgrund ihrer Auftritte bei Farm Aid und ihres Liedgutes – „Masters Of War“, „All Along The Watchtower“, „False Prophets“ – ganz klar im Anti-Trump-Lager verortet, ohne politische Reden zu halten.

Und so bleibt Bob Dylan aufgrund seiner Lebensleistung und seiner Songs, die immer auch die böse Seite Amerikas im Blick hatten, weiterhin einer unserer Fixpunkte. Kein anderer hat die Widersprüchlichkeit unsere Welt mit so großartiger treffender und überdauernder Poesie beschrieben wie er. Auch wenn er heutzutage irgendwo kryptische Dinge veröffentlicht, die uns die Stirn runzeln lassen. Wie oben schon gesagt, er ist schon richtig verortet.

Und so macht die Darmstädter Americana-Reihe einfach immer weiter, um für die wirklichen kulturellen Leuchttürme Amerikas zu werben und gegen die gefährliche, militante Dummheit und Gier der mafiösen MAGA-Bande klare Kante zu zeigen. Und mit klarer Haltung zu unterhalten. So auch in diesem Jahr im Stammhaus Bessunger Knabenschule in Darmstadt und in Kooperation in Pfungstadt und Bensheim. Kommt zuhauf!

Die nächsten „Americana“-Termine:
Do, 29. Januar, 20 Uhr, „Mojo Hand“, Darmstadt. Infos und Tickets:
https://www.knabenschule.de/?id=1651
Do, 5. Februar, 20 Uhr, Neil & The Slowpokes, Bensheim: Infos und Tickets:
https://pipapo-kellertheater.de/neil-the-slowpokes/
Mittwoch, 25. Februar, 20 Uhr, Elizabeth Lee & Martin Hauke, Darmstadt. Infos und Tickets: https://www.knabenschule.de/?id=1674
Donnerstag, 5. März, 20 Uhr, Alina Sebastian feat. David Tarakona, Bensheim. Infos und Tickets: https://pipapo-kellertheater.de/alina-sebastian/

Stimme der Hoffnung

Sie singt und protestiert unermüdlich für eine bessere Welt: Die große Folksängerin Joan Baez wird 85 Jahre alt und ist politisch aktiver denn je

Foto: Wikimedia Commons

Ich gebe zu, mein Verhältnis zu Joan Baez war nicht immer ungetrübt. Ich weiß noch wie wir auf einer schier endlosen Geburtstags-Silvesterparty 1980/81 ewig zu Joans Interpretation von „Put Your Hand in the Hand“ getanzt haben. Ich erinnere mich, dass ich sie in der Rolling Thunder Revue und beim Hard Rain-Konzertfilm geheimnisvoll und attraktiv fand. Später in den 1980ern nervte sie mich jedoch. Sie sang zu hoch, sie wanzte sich – so fand ich damals – wahlweise an das Publikum (Immer wieder „Sind so kleine Hände“) oder an Dylan ran (St. Pauli 1984) und ich übernahm Günter Amendts vernichtende Kritik an ihrem Verhalten bei „Reunion Sundown“.

Für immer Teil meiner musikalischen Welt

Und dennoch war und bleibt sie immer ein Teil meiner musikalischen Welt. Bob Dylan wird immer der sein, mit dem sie in einem Atemzug genannt wird. Obwohl sie netto von mehr als sechs Jahrzehnten Karriere ja eigentlich nur gerade mal 3-4 Jahre wirklich zusammengearbeitet haben. Doch als „Traumpaar der Folkmusik“ sind sie ikonisch geworden. Sie singt auch immer noch seine Lieder und beide äußern sich mittlerweile sehr wertschätzend dem anderen gegenüber. Doch die gemeinsame Geschichte ist lange vorbei und es wird keine Neuauflage mehr geben. Beide haben einfach zu verschiedene künstlerische Ansätze. Die beide ihre Berechtigung haben, aber einfach nicht zusammen passen.

Ich sah sie zweimal live. Einmal 2010 in Mannheim. Da sang sie „I Still Miss Someone und widmete ihn in der Ansage Johnny Cash. Sang Songs von Bobby und über Bobby. Und dann auf der Abschiedstour in Schwetzingen im Sommer 2018, als sich über der Bühne ein Regenbogen spannte und sie ihn mit der ganzen Band voller Freude anschaute. Sie war und ist einfach eine Persönlichkeit.

Ungebrochener Aktivismus

Heute schätze ich ihren Aktivismus umso mehr. Sie ist immer politisch aktiv geblieben. Im Jahr ihres 80. Geburtstages sahen wir uns bei einer Veranstaltung im Frankfurter Naxos-Kino ihre Filmbiographie „How Seet The Sound Is“ an – ich war als „Experte“ zum Film-Talk geladen – und ich sah im Film ihre Begeisterung und ihre Unbekümmerheit beim Ostermarsch 1966.  Joan Baez wurde ab den 1960er Jahren zur singenden Vorkämpferin für Rassengleichheit, Frieden und Menschenrechte. Sie war mit einer Friedensdelegation während des Vietnamkrieges in Hanoi und spielte 1993 im kriegszerstörten Sarajevo. Sie protestierte 2005 gegen den Irakkrieg und wandte sich 2010 gegen die verschärften Einwanderungsgesetze für Mexikaner im Bundestaat Arizona.

„Das Traumpaar der Folkmusik“, Foto: Wikimedia Commons

2017 sang sie schon mit dem Song „Nasty Man“ gegen Trump an und ist seit Beginn seiner zweiten Präsidentschaft unermüdlich in ihrer Gegnerschaft zum imperialen Maga-Diktator. Sie unterstützte Bernie Sanders und Alexandria Occasio-Cortes bei ihrer „Fight Oligarchy Tour“ und trat dabei im vergangenen Frühjahr in San Francisco mit Neil Young auf. Im Oktober war sie dann ebenfalls in Frisco bei der dortigen „No Kings“-Kundgebung dabei. Und dort sang sie im November zusammen mit dem „neuen Protest-Dylan“ dieser Tage, Jesse Welles, im legendären „The Fillmore“, in dem „The Band“ ihr Abschiedskonzert „The Last Waltz“ gaben, den Song „No Kings“ und „Don’t Think Twice, It’s Alright“. Ein paar Augenblicke lang rieb man sich die Augen. Waren wir in einem Raum-Zeit-Kontinuum? Schreiben wir das Jahr 1963? Nein, es war nicht Dylan, den Joanie zwischen den Songs herzte, drückte und küsste.

Stimme der Hoffnung

Wenn sie nicht protestiert und singt, dann malt sie, tanzt sie, dichtet sie oder verbringt die Zeit in ihrem Baumhaus. Joan Baez wird nicht müde. Sie gibt uns Hoffnung in dunklen Zeiten. Happy Birthday, Joanie!

„Desire“ wird 50!

Persönliche Erinnerungen an ein ganz besonderes Album

Es ist und bleibt für immer mein „liebstes“ Bob Dylan-Album. Denn es war mein erstes: „Desire“. Am 5. Januar 1976 ist es erschienen, wird also 50 Jahre alt. Grund genug mal in den eigenen Erinnerungen zu wühlen.

Copyright: Columbia Records

„Mit Hurricane“ fing alles an

Den Leadtrack „Hurricane“ hatte ich im Herbst 1976 erstmals im Deutsch-Unterricht an der Darmstädter Lichtenbergschule gehört. Wir beschäftigten uns mit Protestsongs. Der Song faszinierte mich. Die treibende Melodie, der packende Rhythmus und der coole und gleichzeitig engagierte und rebellische Gesang. Und natürlich das Thema des Songs: Die falsche Mordanklage gegen den Boxer Rubin „Hurricane“ Carter und den Rassismus bei Polizei und Justiz in den USA.

Auch die Macken der Platte gehören zur Erinnerung

Ich wollte mehr von diesem Bob Dylan hören. Kaufte mir eine preisgünstige israelische Pressung von „Desire“ als Sonderangebot im Kaufhof und legte sie auf meinen billigen Plattenspieler. Und wie es so ist. Das Rauschen der Platte vor und zwischen den Songs, die Reihenfolge der Songs, sogar die Macken der Platte haben sich bis heute bei mir eingeprägt. Immer wenn auf einer Kompilation „Hurricane“ endet, erwarte ich die ersten charakteristischen Klaviertöne von „Isis“. Und da bei meiner Desire-Platte immer bei „Black Diamond Bay“ in der Zeile „But the Greek said, go away, and he kicked the chair to the floor” immer die Nadel hüpfte und zweimal “But the Greek said, go away, and he kick” erklang, fehlt mir sogar diese Dopplung wenn ich den Song heute auf CD oder im PC höre.

Großartige Songs

Copyright: Columbia Rcords

Noch heute ist „Hurricane“ für mich der perfekte Dylan-Song und auch „Isis“, „One More Cup Of Coffee“, „Romance In Durango“, „Sara“ und eben „Black Diamond Bay“ – was würde ich dafür geben, diesen Song nochmal von Dylan live zu erleben – gehören zu meinen Favoriten lebenslang. Nur das Füllerstück „Mozambique“ und das romantisierende „Joey“ fallen da etwas ab. Erst später habe ich dann wirklich  verstanden, dass Dylan für diese Songs anders als üblich hier direkt mit einem Partner, dem Off-Broadway-Regisseur Jaques Levy zusammengearbeitet hat. Erst viele Jahre später – 2009 für „Together Through Life“ – arbeitete Dylan wieder mit einem Partner an den Songs, diesmal mit dem „Grateful Dead-Texter“ Robert Hunter.

Engagiertes Musiker:innen-Ensemble unter chaotisch-genialer Führung

Das Musiker:innen-Ensemble von „Desire“ ist voller Energie, wie immer mysteriös und chaotisch-genial von Dylan zu Höchstleistungen geführt. Nur einmal in „Hurricane“ bei „And to the black folks he was just a crazy nigger” geraten sie einmal aus dem Takt, aber das verstärkt nur die Lebendigkeit der Aufnahme. Die Eigenheiten von Dylan im Studio brachte Emmylou Harris vor einigen Jahren in einem Gespräch mit mir für http://www.country.de auf den Punkt: „Mit ihm zusammenzuarbeiten war speziell. Während der Aufnahmen zu „Desire“ wurde nie darüber gesprochen, was jetzt zu tun ist, oder was später noch gemacht werden muss. Es ging einfach immer drauf los“, erinnerte sie sich.

Scarlet Rivera und „Rolling Thunder Revue”

Alles sind gestandene und erfahrene Session- und Live-Musiker, einzig Scarlet Rivera wurde für Dylan für diese Platte auf der Straße angesprochen. Ihr Violinenspiel prägt „Hurricane“, die ganze Platte und die ganze Tour. Noch heute ist bei Ihr Dankbarkeit und eine besondere Verbindung zu Dylan zu spüren: „Meine Verbindung zu Bob hat über die Jahrzehnte angehalten, in denen wir uns an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten getroffen haben. Wir werden immer verbunden bleiben“, sagte sie mir im Interview für das Dylan-Magazin „Key West“.

Copyright: Red Violin Records

Über die Umstände des Entstehens der Platte und der Rolling Thunder Review habe ich dann irgendwann erstmals – lange nach ihrem Erscheinen – in der Märzausgabe 1976 des Sounds-Magazins gelesen. Dann sah ich „Renaldo & Clara“ und obwohl der Film keine einfache Kost ist, faszinierten mich die Konzertaufnahmen. Ein anderer, konventionellerer Künstler hätte das naheliegendste gemacht und dabei wahrscheinlich nur gewonnen: Einen reinen Konzertfilm der Rolling Thunder Review hätte den Kultstatus der Tour noch viel größer gemacht. Doch dieser Kultstatus ist immerhin so groß, dass der große Martin Scorsese von ein paar Jahren unter dem Titel „Rolling Thunder Revue: A Bob Dylan Story“ eine herrliche Mockumentary über diese Tour gedreht hat.

„Mein“ Dylan ist der mit Hut!

Dylan mit breitem, mit Blumen geschmücktem Hut ist für mich immer „mein“ Bob Dylan. Viel mehr als der mit Cordmütze und Arbeiterhemd, oder der mit Sonnenbrille, gepunktetem Hemd und wilden Locken. Nach „Desire“ kamen die „Greatest Hits“ und „Hard Rain“ als Musikkassetten, ehe „Street Legal“ erschien und der 78er-Konzert-Dylan in den Mittelpunkt rückte. Dann kam „Bob Dylan At Budokan“. Mit neuen Versionen der Desire-Songs „One More Cup Of Coffey” und “Oh, Sister”, letztere ebenfalls faszinierend. Im April 1979 kam es in Deutschland heraus, es folgte bereits im August „Slow Train Coming“, das Dylans Schwenk zum evangelikalen Christentum dokumentierte und mich auf eine harte Probe stellte. Doch das ist eine andere Geschichte.

Bob Dylan 2025/ 2026

Rückblick und Ausblick

Bob Dylan, Foto aus dem Jahr 2019 und nicht von der RARW-Tour, Foto: Wikimedia Commons

Das Dylan-Jahr 2025 war das Jahr der zwei Dylans. Während der alte Dylan unermüdlich Nordamerika und Europa bereiste, war auf Tonträgern und im Film der junge Dylan omnipräsent.

„Like A Complete Unknown“

Anfang des Jahres erschien auch hierzulande das Dylan-Biopic „Like A Complete Unknown“. Trotz der großartigen Regie von James Mangold und den fantastischen schauspielerischen Leistungen von Timothée Chalamet als Bob Dylan und Edward Norton als Pete Seeger ging der Film bei den Oscar-Prämierungen leer aus. An der Kasse war der Film allerdings ein Erfolg. Die Älteren freuten sich, dass diese Geschichte endlich erzählt wurde, die Jüngeren wurden mit Chalamet in den Film gelockt und begeisterten sich für den rebellischen Musiker. Dass der Film im Sommer dann bei vielen Open-Air-Festivals gezeigt wurde, ist ein Beweis für die große Nachfrage. Der Betreiber dieses Blogs hat den Film mittlerweile viermal gesehen: In einer Pressevorführung in Englisch, als Vortragender bei der Darmstadt-Premiere im Filmtheater Rex in Deutsch, als Vortragender bei der Atlantischen Akademie in Kaiserslautern in Englisch mit deutschen Untertiteln und beim Seminar in Malente nochmals auf Deutsch.

Outlaw-Tour und Farm Aid

Im Sommer war Dylan wieder mit seinem Freund Willie Nelson in den USA auf der Outlaw-Tour unterwegs. Dort spielte er u.a. mit dem jungen Country-Bluegrass-Star Billy Strings und vermummte sich gegen Ende der Tour dann völlig, weil ihn das Fotografieren nervte. Derart mit Hoody vermummt, trat er dann auch beim 40. Farm Aid auf, wo auch der derzeit angesagte neue Protest-Dylan Jesse Welles auftrat.

Retro-Veröffentlichungen

Im Herbst ging es dann auf eine ausgedehnte Europa-Tour, während gleichzeitig die neueste Folge der Bootleg-Series ganz weit zurück zum ganz frühen Dylans führte. Ende November zum Record Store Day erschienen dann auch noch „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ mit der damals ursprünglich geplanten Setliste (inklusive „Talkin John Birch Paranoid Blues“) und eine Live-Aufnahme seines Anti-Kriegs-Klassikers „Masters Of War“ vom 1. Januar 1963. Alles ganz schön retro und doch ganz aktuell: Die John Birch Society waren so etwas die MAGA-Vorfahren und Masters Of War ist angesichts der Kriege in der Welt immer aktuell.

Große Kunst und getrübte Freude

Dylans Performance bei seinen Europa-Konzerten war große Kunst. So gut, vital und künstlerisch beeindruckend, das schon da allen, die dabei waren, klar war: Das war kein Abschied. Und so veröffentlichte Dylan dann auch eine Botschaft im Internet, dass er im Frühjahr wieder touren würde und schon kurze Zeit später wurde die gesamte US-Frühjahrs-Tour 2026 mit allen Konzerten auf einen Schlag publik gemacht.

Getrübt wurde die Europa-Tour allerdings durch einen Vorfall, der Schlagzeilen machte: Dem Betreiber der Dylan-Fan-Plattform „Daily Dylan“ wurde bei einem Konzert in Glasgow vom Sicherheitspersonal eindringlich und bestimmt klar gemacht, dass er das Konzert zu verlassen hätte. Es wird davon ausgegangen, dass dies geschehen ist, weil auf „Daily Dylan“ von anderen erstellte Konzertmitschnitte und Konzertfotos der gerade laufenden Tour geteilt wurden. Bei der Rough And Rowdy Ways-Tour herrscht absolutes Handy- und Fotoverbot. Mitschnitte und Fotos findet man allerdings auch an vielen anderen Stellen im Internet, und diese haben die Dylan-Fangemeinde auch in für Künstler wie Fans gleichermaßen nicht immer einfachen Zeiten von Mitte der 1980er bis Ende der 1990er mit ihrem Meister zusammengeschweißt. Die Plattform verzichtet darauf zukünftig. Man wird schauen, wie es für „Daily Dylan“ weitergeht.

Frühjahrstour in den USA und dann?

Was danach kommt, weitere Konzerte in Europa oder anderswo, das steht aber noch in den Sternen. Und ob wir nach dem großen Retro-Jahr 2025 endlich mal wieder neue Bob-Musik bekommen, bleibt auch vorerst ungeklärt. Wie auch immer: Der Dylan dieser Tage ist so rastlos und produktiv wie eh und je. Und wenn es kein Album oder Konzert ist, dann zeichnet und malt er ja auch noch: Point Blank – eine Sammlung von gut 100 Zeichnungen – erschien am 7. November – und sollte seine einzige wirkliche Neuveröffentlichung in diesem Jahr bleiben.

Es bleibt also spannend. Wie immer zum Jahresausklang wünscht der Cowboy Band Blog mit „Must Be Santa“ ein frohes Fest und einen guten Rutsch!

Bob & Brel in Brüssel

Noch ein Nachtrag zu Dylans Brüsseler Konzerten

Jaques Brel 1963, Foto: Wikimedia Commons

Wenn wir zu Dylans Konzerten reisen, dann tauchen wir in die Städte ein, in denen sie stattfinden. Und eigentlich immer gibt es dort etwas zu sehen, das einen Dylan-Bezug aufweist. In Augsburg 2019 besuchten wir das Brechthaus, wohl wissend, dass der frühe Songwriter Dylan durchaus von der Brecht’schen Dramatik beeinflusst war. Und wir haben die Augsburger Puppenkiste besucht. Denn ist der „Seelefant“ aus der Urmel-Reihe nicht auch so ein außergewöhnlicher, einsamer Sänger, der den Blues hat? In Berlin 2022 war dann das dortige Brecht-Weigel-Museum unser Ziel. Und in Brüssel Ende Oktober haben wir uns das Jaques-Brel-Haus angesehen.

„Der belgische Bob Dylan“

Bob Dylan 1963, Foto: Wikimedia Commons

Zwar hatte Brel so gut wie keine Verbindungen zur US-amerikanischen Musiktradition, dennoch wird er oftmals als „belgischer Bob Dylan“ bezeichnet. Amy Graves Monroe, außerordentliche Professorin für Französisch und Leiterin des Fachbereichs Romanische Sprachen und Literaturen, erklärt diesen Vergleich: „Er ist wie Bob Dylan, ein Singer-Songwriter der Extraklasse, ganz ohne Schnickschnack. Sein Songwriting-Stil legt das Lied, den Songwriter, seine Kunst und seine einzigartige Performance schonungslos offen. Ich glaube, was die Leute an Jacques Brel fasziniert, ist nicht nur die Lyrik seiner Texte, sondern auch der Klang seiner Stimme. Man findet selten jemanden, der so viel Emotion in eine einzige Gesangsphrase packen kann. Nur Menschen mit höchster Kontrolle und emotionaler Ausdruckskraft können so singen.“

Doch während Dylan gerade in seiner Frühzeit oftmals erst fatalistisch, dann cool klang, war Brel ein gesanglicher Expressionist per excellence. Und gerade seine Performances lebten davon, dass er die Lieder lebte. Wenn er seinen Klassiker „Amsterdam“ über das brutal-tragische Treiben im Amsterdamer Hafen sang, dann litt er so sehr mit den Figuren und den Umständen, dass er am Ende schweißgebadet war.

Brel gehört wie Dylan zu größten Songwritern aller Zeiten

Thomas in Brüssel mit Bob…

Doch hinter diesem spektakulären darstellerischen Gesang, darf man seine Songwriting-Kunst nicht vergessen. Der mit Bob Dylan befreundete Wim Wenders zählt Brel zu den fünf größten Liedtextern aller Zeiten. Wie die viele seiner Singer-Songwriter-Zeitgenossen bestehen auch Brels frühe Werke hauptsächlich aus geradlinigen, kurzgeschichtenartigen Liedern. An Johnny Cash oder den frühen Bob Dylan erinnert sein sparsames Arrangement und seine erzählende Haltung bei „Le Moribond“ (Der Sterbende). Hier ist Brel voller Zynismus und Spielerei und schildert so humorvoll die Erkenntnisse eines Mannes auf dem Sterbebett.

Kommen wir nochmal zur Musiktradition. Es gibt noch etwas verbindendes zu Dylan. So wie der und das US-Folkrevival erlebte das französische Chanson als Ausdruck einer „Volkskultur“ seinen Aufstieg zur Massenwirkung in späten 1950ern und den 1960er Jahren.

Brel früh vollendet und früh verstorben – Dylan im hohen Alter unermüdlich auf Tour

…und Thomas in Brüssel mit Brel, Fotos: Cowboy Band Blog

Größter Unterschied zwischen Dylan und Brel dürfte dagegen sein, dass Brel irgendwann tatsächlich sein Herz „leer“ gesungen hatte. Bereits Ende der 1960er-Jahre ging er auf Abschiedstournee und verlegte er sich erst vom Singen zum Filmen. Er spielte in einigen Filmen mit, scheiterte dann aber mit einem eigenen Filmprojekt – mit Wild-West-Motiv (!) – genauso wie Dylan später mit seinem Filmen scheitern sollte. Danach zog sich Brel zurück und starb 1978 im Alter von nur 49 Jahren. Ein früh vollendeter, früh gestorbener Chansonier der Meisterklasse. Bob Dylan dagegen steht heute mit 84 Jahren noch immer auf der Bühne und sein Gesang ist besser und expressiver als je zuvor.

Auch und gerade bei den Konzerten in Brüssel, wo wir in die Welt von Bob und Brel eintauchen durften.

Black America sings Bob Dylan, zweiter Teil

Die Songsammlung “Highway Of Diamonds” erscheint 2026 und ist noch besser als der erste Teil

Copyright: Ace Records

 Vor ein paar Jahren erschien das Album „How Many Roads…? Black America sings Bob Dylan“. Allesamt Dylan-Coverversionen aus der afroamerkanischen Community, allesamt hörenswert. Nun erscheint ein zweiter Teil unter dem „Highway Of Diamonds“. Und, was soll man sagen? Diese Sammlung ist noch besser als die erste. Denn neben der großartigen Nina Simone, deren Dylan-Interpretationen zu den besten überhaupt zählen, sind diesmal auch einige Künstler dabei, deren Geschichte unmittelbar mit Dylan verwoben ist.

So beginnt die Kompilation mit der Staple Singer-Version von „A Hard Rain’s a-gonna fall“. Wie wir ja alle wissen, war Bobby mal ganz doll verliebt in Mavis Stapels und machte ihr einen Heiratsantrag. Sie lehnte ihn ab. Sie war jung und möglicherweise fürchtete sie auch die Tatsache, dass gemischtrassige Paare in den USA zu dieser Zeit noch vielen Anfeindungen ausgesetzt waren. Dennoch sind sie lebenslange Freunde geblieben und haben vor einigen Jahren eine scheppernd-gute Version „Change My Way Of Thinking“ aufgenommen.

Ebenfalls mit einer Gospel-Version sind „The Brothers And Sisters Of Los Angeles“ am Start. Sie singen „The Times They Are A-Changin‘“. Unter den Sängerinnen und Sängern des Chores, der nur für das Dylan-Cover-Album „Dylan’s Gospel“ 1969 von Lou Adler zusammengestellt wurde, befindet sich auch Clydie King. Clydie war damals eine begehrte Backgroundsängerin u.a. für Ray Charles, Joe Cocker und bei Produktionen von Phil Spector. Ihre eigenen Soloarbeiten im Bereich Soul, R&B und Funk fanden dagegen nur leidlich Anklang. In den frühen 1980er Jahren war sie dann Background-Sängerin von Bob Dylan und es heißt, sie hätten auch eine amoröse Beziehung gehabt. Unvergessen beider Duett von „Abraham, Martin and John“.

Nach den Brothers And Sisters folgt dann unmittelbar Harry Belafonte mit „Tomorrow Is A Long Time”. Für Harry spielte Bobby 1961 Mundharmonika und Belafonte gehörte ja zum Kreis der kulturellen Linken in den USA wie Dylans Mentoren Pete Seeger und Joan Baez. Und dann endlich Odetta. Die schwarze „Queen Of Folk“ war die zweite, die ein ganzes Album mit Dylan-Songs veröffentlichte und sie war die erste Afroamerikanerin, die das tat. Sie ist leider etwas in Vergessenheit geraten. Es lohnt sich und es wird Zeit, sie wiederzuentdecken.

Und ebenfalls auf dem Album enthalten ist Betty LaVette mit „Everything is broken“. Die Soul-Diseuse hatte 2018 ihr Dylan-Cover-Album „Things Have Changed” aufgenommen, das ebenfalls zu den stärksten Dylan-Song-Sammlungen überhaupt gehört. Mit ihrer apart-brüchigen Stimme verleiht sie den Song von „His Bobness“ eine passende Aura des Lebens und der Vergänglichkeit. Sie sagte später, er habe sie mal auf einem Festival geküsst und wäre trotzdem weiterhin recht distanziert gewesen. Na, ja, man muss auch nicht alles erzählen.

Wie auch immer, es sind wieder eine ganze Reihe von Perlen hier zusammengetragen worden, u.a. wirken auch Aaron Neville, Solomon Burke und Natalie Cole mit, so dass wieder eine große Bandbreite der afroamerikanischen Musikszene vertreten ist. „Schon fast zu Beginn seiner Karriere als Songwriter prägten Dylans Texte und Musik die afroamerikanische Musikszene. „Blowin’ In The Wind“ sprach ein Amerika an, das damals noch weitgehend segregiert war…“, heißt es im Promo-Text und genau dies habe ich ja auch in meinem Buch „Bob Dylan & Black America“ 2021 herausgestellt. Mehr noch: „Bob Dylan ist seine ganze Karriere über in vielfältiger Weise künstlerisch, gesellschaftlich, politisch, spirituell und menschlich konkret mit der Black Community Amerikas verbunden“ (Thomas Waldherr, Bob Dylan & Black America, Hamburg 2021, Seite 10).

Das sehr hörenswerte Album „Highway Of Diamonds“ erscheint bei Ace-Records in Großbritannien und ist hierzulande ab Februar 2026 erhältlich.

Trackliste:

1. A hard rain’s a-gonna fall – The Staple Singers

2. Everything is broken – Bettye Lavette

3. Just like Tom Thumb’s blues – Nina Simone

4. Gotta serve somebody – Natalie Cole

5. It ain’t me Babe – Maxine Weldon

6. It’s alright Ma (I’m only bleeding) – Billy Preston

7. The Mighty Quinn – Solomon Burke

8. Rainy Day Women #12 & 35 – Merry Clayton

9. Shelter from the Storm – Cassandra Wilson

10. The times they are a-changin‘ – The Brothers & Sisters of Los Angeles

11. Tomorrow is a long Time – Harry Belafonte

12. Baby i’m in the mood for you – Odetta

13. Don’t fall apart on me tonight – Aaron Neville

14. If not for you – Sarah Vaughan

15. George Jackson – JP Robinson

16. When he returns – Jimmy Scott

17. I threw it all away – The Bo-Keys

18. Down along the cove – Johnny Jenkins

19. Every grain of sand – Lizz Wright

20. Blowin‘ in the wind – The Caravans

Der Mann am Klavier

Besondere Brüsseler Bob-Beobachtungen

Thomas Waldherr hat in Brüssel genau hingeschaut, Foto: Cowboy Band Blog

So langsam schlurfend Dylan die Bühne betritt, so sehr „on fire“ ist Dylan aber am Klavier an diesen beiden Brüsseler Abenden (26. und 27. Oktober), die wir ihn im Kulturzentum Bozar erleben durften. Der Dylan dieses Herbstes ist sehr viel kraftvoller, dynamischer und spielfreudiger als der Dylan des letzten Herbstes, so wie wir ihn in Frankfurt sahen. Die beiden Brüsseler Konzerte waren musikalisch stark und beeindruckend bezüglich von Dylans Präsenz und Dynamik. Captain Bob hat die Zügel fest in der Hand.

Kraftvoller Gesang, kreatives Klavierspiel

Am Klavier entfaltet er sich, haut in die Tasten, singt kräftig, mal fein und zart, dann wieder kraftvoll-heulend. Den Mann am Klavier gibt Dylan seit vielen Jahren schon. Anfangs noch alternierend zum Gitarrenspiel, dann unternahm er mit Mikrofon und Mundharmonika Ausflüge in die Bühnenmitte. Seit dem Beginn der „Rough And Rowdy Ways-Tour“ im Herbst 2021 sitzt er fast durchgehend am Piano. Letztes Jahr stand er hin und wieder auf, tapste ein bisschen herum und hielt sich am Klavier fest. Diesmal sitzt er das ganze Konzert über. Seit dem letzten Jahr daddelt er ein bisschen sitzend an der Gitarre in der Einleitung zu „It Ain’t Me Babe“. An den beiden Brüsseler Konzerten greift er noch ein zweites Mal mit dem Rücken zum Publikum zur Gitarre. Bei „When I Paint My Masterpiece“ jammt er mit der Band die von „Istanbul/Not Konstantinopel“ geliehene Rhytmuslinie, variiert sie. Bob und seine „Gang“ spielen als wären wir gar nicht da. Alle scharen sich noch länger um den Meister, als ohnehin schon.

Das erste Konzert war in meiner Erinnerung noch stärker als das zweite. Immer wieder holt er ganz kreativ Klavierfiguren, mit denen er die Freiräume füllt, die ihm die Band. Sie schaffen einen Rhythmus- und Klangteppich auf dem er sich entfalten kann. Tony Garnier ist der versierte Bandleader, jetzt schon 36 Jahre (!) mit Dylan zusammenspielt. Anthony Fig ist der beste Dylan-Drummer seit George Receli und die beiden Gitarristen Bob Britt und Doug Lancio ordnen sich ohne jegliche Soloallüren in die geschlossene Mannschaftsleistung ein, wie man im Fußball wohl sagen würde. Sie tragen aber dadurch entscheidend zum hohen musikalischen Niveau der Bob Dylan Band bei.

Dylans sparsame, aber aufschlussreiche Mimik

Am zweiten Abend gelingt es Dylan nicht so sehr, zündende Klavierfiguren aus dem Ärmel zu schütteln. Dann stutzt er, überlegt er und schwimmt dann im Klangteppich mit. Überhaupt muss man Dylan bei einem Konzert nahe sehen, denn seine sparsame Mimik und Gestik erschließt sich aus der kurzen Distanz. Beim zweiten Konzert blickte er mehrmals zur Seite und nach hinten, als wäre er mit irgendwas unzufrieden.

Beide Abende trägt Dylan seine Kämpfe mit dem Mikrofon aus. Am Anfang singt er neben das Mikro, dann wird den ganzen unablässig das Mikrofon von Dylan hin- und hergezerrt. Einmal scheint es einfach perfekt zu sein, da schiebt er es wieder in eine nicht so richtig gute Position.

Dylan trägt nun ganz schlichte dunkle Anzüge. Am zweiten Abend trägt er ein blaues Jackett, darunter ein simples schwarzes T-Shirt. Die Zeit des Hoodies ist vorbei, aber auch Westernanzüge und Hüte bleiben derzeit im Schrank.

Kein Gefühl des „Abschieds“

Dylan höchstens einmal „Thank You“, stellt seine Band nicht vor. Dafür steht er immer zwischen den Songs immer mal wieder kurz vom Sitz auf. Teils einfach aus Freundlichkeit und Dank, denn man meint, die Mundwinkel gingen ein bisschen nach oben, teils wohl auch als Zugeständnis an das Publikum. Denn wenn man im Parkett in den vorderen Reihen auf der linken Seite sitzt, kann man in den gut 110 Konzertminuten ansonsten nur ein paar Locken von Dylan blitzen sehen.

Am Ende dann bleibt Dylan dann einige Zeit mit durchaus freundlichem Gesichtsausdruck dem Publikum zugewandt stehen. Dann schlurft er wieder in die dunklen Bühnenabgang zurück. An diesen Abenden kam nicht einmal ein Gefühl des Abschieds auf, wie wir es in Frankfurt 2024 tatsächlich ein bisschen spürten. Wer weiß, vielleicht steht die Sommertour durch Europa 2026 schon beim Meister auf dem Plan.