Sie singt und protestiert unermüdlich für eine bessere Welt: Die große Folksängerin Joan Baez wird 85 Jahre alt und ist politisch aktiver denn je

Ich gebe zu, mein Verhältnis zu Joan Baez war nicht immer ungetrübt. Ich weiß noch wie wir auf einer schier endlosen Geburtstags-Silvesterparty 1980/81 ewig zu Joans Interpretation von „Put Your Hand in the Hand“ getanzt haben. Ich erinnere mich, dass ich sie in der Rolling Thunder Revue und beim Hard Rain-Konzertfilm geheimnisvoll und attraktiv fand. Später in den 1980ern nervte sie mich jedoch. Sie sang zu hoch, sie wanzte sich – so fand ich damals – wahlweise an das Publikum (Immer wieder „Sind so kleine Hände“) oder an Dylan ran (St. Pauli 1984) und ich übernahm Günter Amendts vernichtende Kritik an ihrem Verhalten bei „Reunion Sundown“.
Für immer Teil meiner musikalischen Welt
Und dennoch war und bleibt sie immer ein Teil meiner musikalischen Welt. Bob Dylan wird immer der sein, mit dem sie in einem Atemzug genannt wird. Obwohl sie netto von mehr als sechs Jahrzehnten Karriere ja eigentlich nur gerade mal 3-4 Jahre wirklich zusammengearbeitet haben. Doch als „Traumpaar der Folkmusik“ sind sie ikonisch geworden. Sie singt auch immer noch seine Lieder und beide äußern sich mittlerweile sehr wertschätzend dem anderen gegenüber. Doch die gemeinsame Geschichte ist lange vorbei und es wird keine Neuauflage mehr geben. Beide haben einfach zu verschiedene künstlerische Ansätze. Die beide ihre Berechtigung haben, aber einfach nicht zusammen passen.
Ich sah sie zweimal live. Einmal 2010 in Mannheim. Da sang sie „I Still Miss Someone und widmete ihn in der Ansage Johnny Cash. Sang Songs von Bobby und über Bobby. Und dann auf der Abschiedstour in Schwetzingen im Sommer 2018, als sich über der Bühne ein Regenbogen spannte und sie ihn mit der ganzen Band voller Freude anschaute. Sie war und ist einfach eine Persönlichkeit.
Ungebrochener Aktivismus
Heute schätze ich ihren Aktivismus umso mehr. Sie ist immer politisch aktiv geblieben. Im Jahr ihres 80. Geburtstages sahen wir uns bei einer Veranstaltung im Frankfurter Naxos-Kino ihre Filmbiographie „How Seet The Sound Is“ an – ich war als „Experte“ zum Film-Talk geladen – und ich sah im Film ihre Begeisterung und ihre Unbekümmerheit beim Ostermarsch 1966. Joan Baez wurde ab den 1960er Jahren zur singenden Vorkämpferin für Rassengleichheit, Frieden und Menschenrechte. Sie war mit einer Friedensdelegation während des Vietnamkrieges in Hanoi und spielte 1993 im kriegszerstörten Sarajevo. Sie protestierte 2005 gegen den Irakkrieg und wandte sich 2010 gegen die verschärften Einwanderungsgesetze für Mexikaner im Bundestaat Arizona.

2017 sang sie schon mit dem Song „Nasty Man“ gegen Trump an und ist seit Beginn seiner zweiten Präsidentschaft unermüdlich in ihrer Gegnerschaft zum imperialen Maga-Diktator. Sie unterstützte Bernie Sanders und Alexandria Occasio-Cortes bei ihrer „Fight Oligarchy Tour“ und trat dabei im vergangenen Frühjahr in San Francisco mit Neil Young auf. Im Oktober war sie dann ebenfalls in Frisco bei der dortigen „No Kings“-Kundgebung dabei. Und dort sang sie im November zusammen mit dem „neuen Protest-Dylan“ dieser Tage, Jesse Welles, im legendären „The Fillmore“, in dem „The Band“ ihr Abschiedskonzert „The Last Waltz“ gaben, den Song „No Kings“ und „Don’t Think Twice, It’s Alright“. Ein paar Augenblicke lang rieb man sich die Augen. Waren wir in einem Raum-Zeit-Kontinuum? Schreiben wir das Jahr 1963? Nein, es war nicht Dylan, den Joanie zwischen den Songs herzte, drückte und küsste.
Stimme der Hoffnung
Wenn sie nicht protestiert und singt, dann malt sie, tanzt sie, dichtet sie oder verbringt die Zeit in ihrem Baumhaus. Joan Baez wird nicht müde. Sie gibt uns Hoffnung in dunklen Zeiten. Happy Birthday, Joanie!















